„Wie können wir Wissenschaft und Wirtschaft besser zusammenbringen?“

Von links: Dr. Andreas Keller, Dr. Ole Janssen, Jan-Martin Wiarda, Prof. Dr. Georg Rosenfeld (verdeckt), Dr. Thomas Kathöfer
Von links: Dr. Andreas Keller, Dr. Ole Janssen, Jan-Martin Wiarda, Prof. Dr. Georg Rosenfeld (verdeckt), Dr. Thomas Kathöfer

Haben wir ein Problem mit dem Technologietransfer? Nun ja nicht wirklich. Aber etwas schon. So könnte die Quintessenz der Veranstaltung der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring am 7. September 2016 in Berlin lauten.

Moderiert von Jan-Martin Wiarda diskutierten Dr. Ole Janssen, Unterabteilungsleiter im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Dr.-Ing. Thomas Kathöfer, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen, Dr. Andreas Keller, Stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und Prof. Dr. Georg Rosenfeld, Vorstand für Technologiemarketing und Geschäftsmodelle in der Fraunhofer-Gesellschaft die Fragen, ob wir neue Brücken für Forschung und Technologietransfer brauchen. Welche Pfeiler sollten wohlmöglich eingerammt, verstärkt oder erweitert werden?

Die Kernbotschaften des Abends lauteten: Unsere Brücken zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sind gut, aber es gibt noch „Luft nach oben“. Wir sollten: Hochschulen für den Wissenstransfer auf Augenhöhe stärken, den innovationsferneren Teil des Mittelstand mehr einbinden sowie Unternehmer und Forscher durch geeignete Maßnahmen näher zusammenzubringen.

Dr. Andreas Keller
„Private Unternehmen versuchen, einen immer stärkeren Einfluss auf staatliche Universitäten und Fachhochschulen zu nehmen.“

Dr. Andreas Keller: Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands, Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung und seit 2013 zusätzlich stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung.

Brücken der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring

Das viel über Brücken geredet wurde, war kein Zufall. Die Stiftung Werner-von-Siemens-Ring steht für die technischen Wissenschaften. Sie fördert den Austausch von Theorie und Praxis, die ein innovationsgeleitetes Unternehmertum immer mitdenkt. Werner von Siemens war im übertragenen Sinn ein Brückenbauer. Er verband nicht nur Amerika mit Europa durch das erste  Transatlantikkabel, sondern auch den Okzident mit dem Orient durch eine Kabelstrecke von London über Teheran bis Kalkutta. Prof. Joachim Ullrich, der als Vorsitzender des Stiftungsrats die rund 60 Gäste begrüßte, wies auch auf die Bedeutung des Namensgebers der Stiftung hin.

Werner von Siemens führte verschiedene Sphären in seiner Person zusammen: die eines anwendungsorientierten Forschers, eines erfolgreichen Unternehmers, eines engagierten Gründers moderner wissenschaftlicher Institutionen (physikalisch-technische Reichsanstalt) und die eines Bürgers, der sich auch um gesellschaftlich-politische Belange (Patentrecht) kümmerte. Er war der Überzeugung, dass es auch Forschung außerhalb der Industrie geben müsse und das die Wissenschaften Grundlage der industriellen Entwicklung seien.

„Was also brauchen wir heute für einen erfolgreichen Brückenschlag?“, fragte Ullrich und eröffnete das Podium.

Von links: Dr. Andreas Keller, Dr. Ole Janssen, Jan-Martin Wiarda, Prof. Dr. Georg Rosenfeld (verdeckt), Dr. Thomas Kathöfer
„Die Transfer-Mentalität des akademischen Nachwuchses hängt zum großen Teil von der Mentalität in den Hochschulen ab.“

Dr. Ole Janssen: Leiter der Unterabteilung Innovations- und Technologiepolitik im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

„Natürliche“ Barrieren

Ein roter Faden zog sich durch die gesamte Podiumsdiskussion. Wodurch entstehen die Barrieren, die sich quasi natürlicherweise aus den verschiedenen Funktionslogiken der Systeme ergeben? Denn schließlich erschweren sie den Brückenschlag und Technologietransfer.

Für Wissenschaftler zählten vorrangig der Erkenntnisgewinn und die Reputation, welche sie durch ihre Forschungsergebnisse erlangen. Dafür seien möglichst viele Veröffentlichungen in renommierten Zeitschriften nötig.

Die Freiheit der öffentlich geförderten Forschung sei dabei ein hohes Gut, welches im GG verbrieft sei. Diese dürfe nicht durch frühzeitige, externe Verwertungsinteressen beschränkt werden, meinte Dr. Andreas Keller, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW.

Unternehmen hätten dagegen ein anderes Verwertungsinteresse von Forschungsergebnissen. Sie brauchen Erkenntnisgewinn als Grundlage von Innovationen. Ihr Ziel seien marktfähige Produkte, mit denen sie ihre Zukunft Gewinn sichern könnten. Hier waren die Podiumsteilnehmer wieder ganz nahe an der Sichtweise von Werner von Siemens.

Für den Mittelstand seien der Fortbestand des Unternehmens als Einkommensquelle und der Erhalt der Arbeitsplätze zentral, ergänzte Dr. Thomas Kathöfer, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ (AIF).

Die unterschiedlichen Blickwinkel auf den Forschungsgegenstand und die verschiedenen Systemlogiken verursachten dabei zwangsläufig Hemmnisse in der Zusammenarbeit. Kathöfer betonte deshalb die Bedeutung stabiler Kooperationsbeziehungen. Sie bauten Verständnis für die Denkweise der anderen Seite und Vertrauen für gemeinsame Projekte auf.

Prof. Dr. Georg Rosenfeld
„Wir sind  auch im internationalen Vergleich  im Technologietransfer und Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sehr gut aufgestellt.“

Prof. Georg Rosenfeld: Vorstand für Technologiemarketing und Geschäftsmodelle der Fraunhofer-

Partnerschaften fördern

Der gute Wille zu einer Kooperation alleine reiche jedoch nicht aus. Bei gemeinsamen Vorhaben mit öffentlichen Förderungen sei sicherzustellen, dass eine Transparenz und Zugänglichkeit der Ergebnisse gewährleistet sei, so Keller. Janssen stimmte dem zu, plädierte dabei aber für eine differenzierte Betrachtung. Bewegen wir uns im vorwettbewerblichen Bereich oder schon  im marktnahen Bereich? Im letzteren Fall müsse es auch die Möglichkeit für Beschränkungen geben, damit die Unternehmen, die die Projekte finanzieren, später Marktvorteile generieren könnten.

Für beide Bereiche gibt es differenzierte Förderinstrumente, wie bspw. die Industrielle Gemeinschaftsforschung (IGF) und das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM). Im Rahmen der IGF wurden in 2015 rd. 1.400 Projekte mit mehr als 16.000 Unternehmen und rd. 2.300 Forschungsstellen durchgeführt, im Rahmen des ZIM fanden zwischen Januar 2015 und August 2016 über 4.953 Kooperationen mit Unternehmen statt. In  ca. 90% der Fälle waren dabei Hochschulen beteiligt.

Durch die Kooperationen kämen die Partner ins Gespräch, auch über das eigentliche Thema hinaus. Somit wachse das Verständnis für die Bedürfnisse, Denkweisen und die Wünsche des jeweiligen Gegenübers, führte Janssen aus.

Wichtig sei, die enge Abstimmung zwischen den Programmen und den Akteuren. „Wo wird der Staffelstab bspw. von den Förderprogrammen des  BMBF zu den Förderprogrammen des BMWi übergeben. Die Hightech-Strategie der Bundesregierung ist ein guter Beitrag“, so Janssen.

Einen weiteren Baustein für einen Barrierenabbau kündigte Kathöfer an. Die AIF werde eine neue Initiative ins Leben rufen, die Unternehmern und Wissenschaftler bei der Partnersuche gezielt unterstützen werde.

Dr. Thomas Kathöfer
„Die Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist der bedeutendste Erfolgsfaktor für die Leistungsfähigkeit unseres Innovationssystems.“

Dr. Thomas Kathöfer: Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ (AIF), die die angewandte Forschung und Entwicklung im deutschen Mittelstand fördert.

Von Geisterfahrern und Grenzgängern

Die Systemlogiken und ihre Barrieren führten dazu, dass ein mehrfacher Wechsel zwischen Wissenschaft und Wirtschaft kaum stattfinde. Nach einigen Jahren sei die Rückkehr in die Wissenschaft und die Fortsetzung der Karriere i d. R. so gut wie unmöglich. Ein Wechsel gelte von daher meist als Einbahnstraße. Keller wies auch darauf hin, dass die Einkommen in der Wirtschaft meist deutlich attraktiver seien, was eine Rückkehr in die Wissenschaft zusätzlich erschwere. Prof. Georg Rosenfeld, Vorstand für Technologiemarketing und Geschäftsmodelle der Fraunhofer-Gesellschaft, führte das Modell der gemeinsamen Berufungen, wie es auch die Fraunhofer Gesellschaft praktiziere (Fraunhofer Institut und Universität), als ein Beispiel für eine Brücke an.

Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft, die zwischen den Teilsystemen mehrfach wechselten, seien selten. Dabei wären diese Grenzgänger besonders wertvoll. Sie verbänden nämlich Erfahrungen aus beiden „Welten“. „Wie kann ein Professor seinen Studierenden und Mitarbeitern authentisch Innovationen, Wirtschaftswissen oder Unternehmertum vermitteln, wenn er selber keine Erfahrungen hat?“, fragte Janssen.

An manchen Universitäten bestehe ein generelles Unbehagen gegenüber Kooperationen mit der Wirtschaft. Eine stärkere Verankerung des Entrepreneurships in der Professorenschaft würde  Bedenken abbauen sowie Ausbildungsgänge bereichern. Somit könnten bereits in der Ausbildung Brücken zwischen Wirtschaft und Wissenschaft gebaut werden. Insgesamt könnte die Durchlässigkeit der Systeme in beide Richtungen verbessert werden.

Universitäten auf Augenhöhe mit der Industrie?          

Auf dem Podium herrschte Konsens, dass die Universitäten seit langem unterfinanziert seien. Daraus entstand eine interessante Diskussion. Können die Universitäten gegenüber der Wirtschaft angesichts ihrer mangelhaften Grundfinanzierung überhaupt noch auf Augenhöhen agieren? Müssen sie nicht nach jedem Strohhalm greifen, bspw. nach Stiftungsprofessuren? Ist somit die Unabhängigkeit der Forschung noch gewährleistet?

Während Keller hier die Universitäten in einer geschwächten Position sah, vertrat Rosenfeld die Meinung, dass Unternehmen über Stiftungsprofessuren keinen Einfluss auf konkrete Forschungstätigkeit nehmen. Vielmehr komme darin das gemeinsame Interesse von Universitäten und Unternehmen zum Ausdruck, Grundlagenforschung und Lehre in wichtigen Feldern zu stärken. Das sei durch die Forschungsfreiheit gedeckt. Kathöfer ergänzt, dass die Universitäten jede Stiftungsprofessur auf ihre Verträglichkeit mit dem Strukturplan für die Zeit nach der Anschubfinanzierung prüfen. Und wenn es nicht in den Strukturplan passe, werde ein Anliegen der Industrie auch abgelehnt. Jedenfalls sei die Anzahl der Stiftungsprofessuren, aber auch die Höhe der privatwirtschaftlichen Mittel im Verhältnis zu den sonstigen Mittel an den Universitäten im letzten Jahr rückläufig gewesen.

Erwartet wurde jedenfalls einvernehmlich, dass die Aufhebung des Kooperationsverbots (Grundgesetz § 91b) in den nächsten Jahren zu einer verstärkten Beteiligung des Bundes und somit zu einer Verbesserung bei der Hochschulfinanzierung führen werde.

Sorgenkind Mittelstand?

Rosenfeld sah Deutschland sehr gut aufgestellt und weltweit in einer Spitzenposition. So gebe es ein differenziertes Wissenschaftssystem und eine Vielzahl von Transferinstrumenten. Dem stimmen alle auf dem Podium zu. Janssen sah jedoch mit einer gewissen Sorge eine Schere. die immer weiter zwischen Großunternehmen und KMUs aufgehe. Im Jahr 2014 seien bei den KMUs die Anzahl der Innovationsausgaben um 9% und die der investiven  Innovationsausgaben sogar um 20% zurückgegangen.

Auch ist Mittelstand nicht gleich Mittelstand. Viele Mittelständler produzierten Innovationen ohne eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung im Rahmen des alltäglichen Geschäfts, bspw. aus Gesprächen mit Kunden und Zulieferern.

Noch wichtiger sei aber die Frage, so Kathöfer, wie Mittelständler, die heute noch nicht innovativ seien, dazu motiviere, innovativ zu werden.

„Die Japaner schlagen …“

Der fünfte Stuhl auf dem Podium war für das Publikum reserviert. Wer wollte, konnte den Stuhl  im zweiten Teil der Podiumsdiskussion besetzen und seine Meinung in den Ring werfen.

Herr Dr. Martin Herrenknecht, Vorstandsvorsitzender der Herrenknecht AG, Tunnelvortriebstechnik, war der erste Publikumsteilnehmer. Ohne die öffentlichen Forschungsgelder hätten sie ihre Innovationen in den 70er Jahren nicht entwickeln können. Um erfolgreich zu sein, mussten sie damals die Japaner technologisch schlagen. Heute seien sie Weltmarktführer. Im globalen Wettbewerb stellen mittlerweile auch die Chinesen und Amerikaner harte Konkurrenten dar. Innovationen seien von daher überlebenswichtig. Er wünsche sich in Deutschland manchmal mehr Offenheit für neue Verfahren, bspw. wie bei der Geothermie.

Was verbinde nun gute Forscher und gute Unternehmer, fragte Herrenknecht. Auf der Grundlage seiner langjährigen Erfahrungen seien dies die Bereitschaft zu: Innovation, Vision und Risiko.

Dipl.-Ing Hans Peter Stihl, Gesellschafter der STIHL AG Co. KG, dem Weltmarktführer für Motorsägen setzte bei der Entwicklung der Innovationen in seinem Unternehmen nicht auf öffentliche Fördermittel, sondern auf eine sehr enge Kooperation mit den Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Regionale Netzwerke seien ein entscheidender Faktor für den Erfolg, so bspw. auch bei der Entwicklung ihrer neusten Innovation. Die STIHL AG werde demnächst weltweit als erstes Unternehmen eine Motorsäge mit Einspritzpumpe vorstellen.

Dr. Michael Alexander, Partner bei Roland Berger und 1991 ausgezeichneter Jungwissenschaftler der Stiftung brachte zum Schluss noch eine Handvoll spannender Thesen ein und setzte den Fokus u. a. auf die Finanzierung. Eine These war: Der Markt entscheidet. Eine Marktallokation sei besser als eine staatliche Förderung. Mehr Venture Capital brächte eine Verbesserung der Finanzierungstrukturen für Innovationsentwicklung und Technologietransfer in Deutschland.

In der angeregten Debatte dazu, waren sich die Podiumsteilnehmer einig, dass die steuerlichen Nachteile bei Investitionen in die Forschung abgebaut werden müssten. Es gebe noch deutliches Entwicklungspotenzial. Rosenfeld wies dabei auf die Hebelwirkung staatlicher Förderung hin, die sich bei Fraunhofer Spin-offs z. B. darin niederschlage, dass Investitionen aus Quellen wie dem Hightech-Gründerfonds privates  Venture Capital in 10-facher Höhe nach sich zögen.

Abschlussrunde: „Sie haben einen Wunsch frei, was würden sie sagen?“

  • Rosenfeld wünschte sich, eine neue Balance in den Förderformen zu finden, in dem die Ausstattung in der Grundfinanzierung verbessern wird. Neben der  Programmförderung sollte es – als ein neues Förderinstrument – eine  steuerliche Begünstigung von Forschungsaufwendungen geben, insbesondere von KMU.
  • Kathöfer sah die Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft als entscheidenden Faktor für den Erfolg des Innovationssystems an. Er wünschte sich daher, derartige Kooperationen mit einem positiven Image zu versehen, welches helfe, bestehende Barrieren bei Kooperationsvorhaben abzubauen.
  • Janssen sah als Ergebnis der Diskussion, dass es keine unüberbrückbaren Hürden auf dem Weg von der Idee in den Markt gebe und sich die meisten Aspekte hervorragend verbinden ließen. Man sollte Brücken bauen und keine Widersprüche da aufmachen, wo keine seien.
  • Keller wünschte sich, dass die Industrie ihre Rolle in dem Prozess selber reflektierte. Sie möge vermehrt Geld für die Grundlagenforschung und die Technologiefolgeabschätzung von Innovation in die Hand nehmen. Dies würde die Zusammenarbeit und Akzeptanz bei den Universitäten fördern und letztendlich auch dem Technologietransfer zu Gute kommen.
Pressekontakt

Désirée Tillack
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