Der Wert der Forschung

Alternative Fakten, Wissenschaftsfeindlichkeit, die schwierige Situation für Nachwuchswissenschaftler auf der einen Seite – Exzellenzcluster, gut aufgestellte Großforschungseinrichtungen und forschende Industrie auf der anderen Seite – bei der Veranstaltung der Werner-von-Siemens-Stiftung am 25. September 2018 im Einstein-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter dem Motto „Der Wert der Forschung“ ging es grundsätzlich um die Frage: Wie ist es um die Forschung in Deutschland bestellt?

Bei der von Jan-Martin Wiarda moderierten Diskussion tauschten sich die Podiumsteilnehmer Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung a. D., Peter Post, Leiter der Forschung der Festo AG & Co. KG, Thomas Sattelberger MdB, Mitglied der FDP-Bundestagsfraktion, und Otmar Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, darüber aus, welchen Wert Forschung in unserer Gesellschaft besitzt und wie er sich bemessen und fördern lässt. Ergänzt wurde das Podium von vier Jungwissenschaftlern, die zu je einem Themenkomplex ihre Perspektive einbringen konnten.

Claudio Paganini, Mitorganisator des „March for Science“, und der Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl führten in die Veranstaltung ein und fassten sie mit einem kommentierenden Fazit zusammen.

Statements zum Wert der Forschung
Welchen Wert besitzt Forschung für die Gesellschaft – und wie lässt er sich bestimmen?

Wie Joachim Ullrich, Präsident der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und Vorsitzender des Stiftungsrats der „Stiftung Werner-von-Siemens-Ring“, in seinem Geleitwort bemerkte, war Werner von Siemens der Pionier in Deutschland, der nicht nur gezielte, staatlich unterstützte Forschung einforderte sondern gleichzeitig eigenes Kapital zur Verfügung stellte. Die so von Siemens mit ins Leben gerufene Physikalisch-Technische Reichsanstalt war der direkte Vorgänger der weltweit renommierten Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, deren Arbeit heute für die Grundlagenforschung und Industrie gleichermaßen bedeutend ist.

Welchen Wert besitzt also Forschung? Und welchen sollten wir ihr zumessen? Schon der Begriff „Wert“ trägt ja eine gewisse Ambivalenz in sich. Von ethischen Werten über die ökonomische Wertschöpfung bis hin zur Idee eines Wertes der Forschung als fundamentales zivilisatorisches Konzept reicht das Spektrum dieses Begriffes – und auch das Spektrum der Diskussion.

Peter Post

Forschung ist nicht teuer, sie kostet Geld.

Peter Post
Forschungsleiter der Festo AG & Co. KG und Mitglied des Wissenschaftsrats

Manches lässt sich planen in der Forschung. Vieles aber auch nicht – die Wege der Wissenschaft sind unergründlich. Wie Dieter Schinzer, Lehrstuhlinhaber für organische Chemie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, auf dem Podium einwarf, kommt die beste Innovation oft von daher, wo sie eben nicht geplant ist. Ein kurzfristiger Rechtfertigungsdruck kann sich deshalb durchaus als hinderlich erweisen.

Einigkeit bestand auf dem Podium über die Frage, dass die Forschung in Deutschland zu wenig öffentlich präsent ist und häufig nicht gut kommuniziert wird. Gerade in einem Land, dessen Wirtschaft und Gesellschaft von der Innovationskraft ihrer Unternehmen abhängen, sollte die Forschung einen besseren öffentlichen Stellenwert genießen. Nun ist nicht jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler gleichermaßen dafür geeignet, an die Öffentlichkeit zu gehen. Als „public intellectual“ muss man auch ein Stück weit geboren sein.

Aber während es etwa mit dem „Haus der kleinen Forscher“, mit Wissenschaftssendungen und ähnlichen Projekten im Nachwuchsbereich deutliche Fortschritte gibt, ist die Forschung trotz ihrer Bedeutung insgesamt im öffentlichen Raum unterrepräsentiert.

Auch die Verzahnung von universitärer Forschung und Industrie könnte besser sein. Es geht nicht nur darum, Start-ups weit genug zu begleiten, damit sie wirklich in die Produktionsphase kommen und die entscheidenden Patente und Lizenzen besitzen. Im internationalen Vergleich weist die deutsche Industrie auch häufig nicht die passenden Strukturen auf, mit denen sich an wissenschaftliche Entwicklungen andocken ließe, wie Peter Post bemerkte.

Edelgard Bulmahn merkte kritisch an, die Balance zwischen der Grundfinanzierung der Universitäten und der Drittmittel-Vergabe sei außer Balance geraten. Die Universitäten bräuchten dringend mehr Sicherheit bei der Finanzierung.

Thomas Sattelberger

Es gibt in Deutschland zu wenige public intellectuals.

Thomas Sattelberger
Mitglied der FDP-Bundestagsfraktion

Fake News auch in der Wissenschaft?

Verschiedene Interessengruppen unterminieren mit unhaltbaren Behauptungen den gesellschaftlichen Diskurs. Aber beschädigen „alternative Fakten“ auch die Wissenschaft? Das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit ist zwar im Großen und Ganzen positiv, aber durchaus gespalten. Während die deutliche Mehrheit der Bevölkerung Forschung positiv betrachtet – und insbesondere die medizinische Forschung –, so steht dem eine harte und nicht vernachlässigbare Gruppe von Wissenschaftsskeptikern wie z.B. Impfgegner entgegen, die den üblichen rationalen Argumenten nur schwer zugänglich sind. Auch Wissenschaft steht unter dem Generalverdacht der Parteilichkeit.

So sind beispielsweise im Bereich Industrie 4.0 deutliche technologische Fortschritte zu verzeichnen, die die Öffentlichkeit jedoch nicht oder nur schlecht erreichen. Wie Walter Kühnlein, der im Jahr 1998 von der Stiftung als herausragender Jungwissenschaftler ausgezeichnet wurde, feststellte, sei die Legitimation der Wissenschaft heute nicht gewachsen im Vergleich zur Situation vor rund einem Vierteljahrhundert. Edelgard Bulmahn sieht die Darstellung von Wissenschaft in den Medien zwar deutlich verbessert. Doch immer noch herrschen in vielen Bereichen diffuse Ängste – Stichwort Gentechnik.

Die Universitäten tun nur wenig dagegen. Gerade in den MINT-Fächern ist das Thema Kommunikation leider unterbelichtet. Man kann sich nun die Frage stellen, ob es nicht ein interessantes Angebot an Studenten dieser Fächer wäre, Kurse in Wissenschaftskommunikation, Recht und grundlegenden betriebswirtschaftlichen Gebieten anzubieten. Gewiss würde das nicht alle Studenten gleichermaßen ansprechen. Aber viele gehen auf den Arbeitsmarkt, ohne sich in diesen Gebieten im Geringsten auszukennen.

Otmar Wiestler

„Der Motor der Grundlagenforschung muss laufen, sonst stockt der Transfer“

Otmar Wiestler
Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren

Wissenschaft kann sich lohnen – muss sie es auch?

Der Erkenntnisdrang des Menschen ist eine Triebkraft, die sich nicht steuern lässt. Sie kann Einsichten liefern, die eher philosophischer Natur sind, sie kann Orientierung im Leben geben, aber auch zu Produkten und Dienstleistungen führen. Grundlagenforschung ist nicht in Rendite messbar, führt aber häufig zu unerwarteten neuen Technologien.

Deutschland ist zwar stark in der Grundlagenforschung, doch die Umsetzung in angewandte Forschung und industrielle Produkte lässt noch Luft nach oben. Während KMU hier eine gewisse Dynamik zeigen, vermisst Jungwissenschaftler Torsten Krüger in Deutschland Innovationsbereitschaft. Er sieht zu häufig noch die Angst vor Risiken. Nur wer bereit ist, auch seine Überlegungen ein Stück weit zu exponieren, wird im globalen Wettbewerb Partner finden. Die Fähigkeit, sich einerseits zu öffnen, aber andererseits nicht zu viele Geschäftsgeheimnisse preiszugeben, ist in Deutschland noch ausbaufähig.

Auch dauert es häufig noch zu lange, bis Forschungsprojekte „in die Pötte“ kommen. Wie Thomas Sattelberger mit ironischem Unterton anmerkte, hätten die Großforschungseinrichtungen sich zu „fetten Katzen“ entwickelt, was die Innovationskraft beeinträchtigt. Auch soll die US-amerikanische DARPA zwar der neuen „Agentur zur Förderung für Sprunginnovationen“ als Vorbild dienen. Noch sind deren Aufgabenbereiche und ihre wichtigsten Projektfelder aber nicht klar definiert.

Otmar Wiestler konnte in seiner Eigenschaft als Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft den Vorwurf, Halter einer fetten Katze zu sein, nicht unwidersprochen lassen. Transfer bedeute nicht immer nur Transfer in die Wirtschaft. Mit dem Krebsinformationsdienst erreiche man etwa jährlich über 100.000 Patienten, die sonst kaum eine vergleichbare Beratung erhalten würden.

Edelgard Bulmahn

„Unternehmen und Universitäten müssen sich besser miteinander austauschen.“

Edelgard Bulmahn
Bundesministerin a. D.

Lenken oder Freiräume schaffen – der politische Rahmen für Forschung

Das Nachdenken über eine innovationsfreundliche Wissenschaftskultur bestimmte auch den vierten Programmpunkt. Wenn die Ergebnisse von Forschung sich nicht oder nur sehr bedingt vorhersagen lassen, wieviel Lenkung macht dann überhaupt Sinn? Eine gewisse Gründungsdynamik und Unternehmergeist lassen sich nicht verordnen. Sie können in einem innovationsfreundlichen Rahmen aber wachsen und sich wie andere kulturelle Eigenschaften schrittweise entwickeln. Wichtig hierfür ist ein wechselseitiges Verständnis von Wissenschaft, Industrie und Politik um die Eigenheiten des jeweiligen Betriebs.

So wird Interdisziplinarität zwar immer wichtiger. Doch zwischen vielen Fakultäten herrschen noch Berührungsängste. In vielen Bereichen wird etwa der Austausch zwischen Naturwissenschaftlern und Ingenieuren auf der einen Seite und Geistes- und Kulturwissenschaftlern auf der anderen Seite immer wichtiger. Gemeinsame Projektarbeiten an Universitäten sind jedoch noch Mangelware.

Dabei kann das Arbeiten als Wissenschaftler in Deutschland durchaus reizvoll sein. Wie Jungwissenschaftler Michelangelo Villano, der am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt arbeitet, erzählte, sei er vor allem nach Deutschland gekommen, um sich fachlich in seinem Gebiet vertiefen zu können. Im Lauf der Zeit habe er dann aber auch andere Dinge, nicht zuletzt die konstruktive Diskussionskultur, immer mehr schätzen gelernt.

Christian Schwägerl

„Wir brauchen eine breite Wissenschaftskonversation.“

Christian Schwägerl
Wissenschaftsjournalist

Diesen Punkt griff Claudio Paganini in seinem kritischen Fazit auf und wies darauf hin, dass Deutschland für ausländische Wissenschaftler zwar durchaus ein attraktiver Forschungsstandort ist – auch wenn die ganz großen Leuchttürme sicherlich jenseits des Ärmelkanals beziehungsweise des Atlantiks zu finden sind. Aber gerade für Wissenschaftler aus Entwicklungsländern bestehen noch zahlreiche  bürokratische Hindernisse, die es zu verringern gelte. Er erachtet es auch als selbstverständlich, dass Wissenschaft sich öffentlich zu rechtfertigen habe – schließlich lebt sie von Steuergeldern. Forscher, die sich um die öffentliche Darstellung ihrer Disziplin verdient machen, erfahren dafür aber keine karrieremäßigen Bonifikationen. Auch sei die heutige Wissenschaft zu sehr an Rankings und generell an Messbarkeit orientiert, was sich gerade für all die Sparten negativ auswirke, die sich jenseits des aktuellen Mainstreams befinden. Dabei hat die Wissenschaftsgeschichte gezeigt, dass viele grundlegend neue Ideen und Innovationen aus der Beschäftigung mit zunächst scheinbar weltfremden Fragestellungen entstanden sind.

Christian Schwägerl, der die Forschungspolitik seit vielen Jahren beruflich begleitet, ergänzte diese Punkte mit der Bemerkung, dass viele Probleme leider über die Jahre gleich geblieben seien. So sei die gesamte Diskussion um die Forschung in seinen Augen zu stark ökonomisch geprägt. Er betrachtete auch das kommunikative Sender-Empfänger-Modell kritisch, demzufolge Presseabteilungen von Instituten und Unternehmen lediglich ihre Forschungsmeldungen an die Journalisten weiterzugeben hätten, deren Aufgabe dann darin bestünde, dies für die Allgemeinheit zu übersetzen. Dies werde weder der kritischen Funktion des Journalismus gerecht, noch würde es in der heutigen Zeit Widerhall finden, in der sich wissenschaftsfeindlich oder -skeptisch eingestellte Bürgerinnen und Bürger ihre eigenen, „alternativen“ Fakten mehr oder weniger beliebig zusammenklauben könnten. Nur eine öffentlich breit geführte, kritische und auch kontroverse Konversation über die Wissenschaft könne letztlich ihre Akzeptanz in der Gesellschaft verankern. Noch seien wir an diesem Punkt aber nicht angekommen.

Schwägerl stimmte mit Paganini ebenfalls darin überein, dass eine ökonomische Engführung der Wissenschaft nicht nur gesellschaftlich, sondern langfristig gesehen auch ökonomisch schlicht kontraproduktiv sei – ein Punkt, den auch Joachim Ullrich in seinem Schlusswort aufgriff. Der kulturelle Wert des Zweifels sei nicht zu unterschätzen. Nur wer wagt, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen, kann auf der Suche nach der Wahrheit einen Schritt weiterkommen.

Text: Dirk Eidemüller

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