Die Ringentstehung 2018

von René Braun und Jakob Klug aus Haale/Saale Gewinner des jurierten Gestaltungswettbewerbs zum Werner-von-Siemens-Ring für Joachim Milberg und Hasso Plattner

DER GESTALTUNGSWETTBEWERB

Als wir die Ausschreibung für den Gestaltungswettbewerb des Werner-von- Siemens-Ring 2018 das erste Mal vor Augen hatten, waren wir sofort fasziniert. Die Aufgabe, unter bestimmten Vorgaben einen Ring, inklusive Schatulle, für eine herausragende Person zu entwerfen, welcher sich auch in der Gestaltung auf das Schaffen der Person bezieht, ließ in unseren Köpfen Funken fliegen. Zudem hatten wir das Gefühl, bei diesem Projekt unser Wissen aus der Goldschmiedelehre und unserem Design-Studium gleichermaßen einbringen zu können. Da es noch dazu dieses Jahr zwei Personen waren, für die ein solcher Preis gestaltet werden sollte, war es für uns ideal, als Team zusammen zu arbeiten. Angespornt vom Entwurf des letzten Werner-von-Siemens-Ringes, begannen wir gleich mit Recherchen, machten Skizzen und Modelle und entwickelten die ersten Entwürfe. Die beiden zukünftigen Ringträger, Hasso Plattner und Joachim Milberg, sind zwei sehr unterschiedliche und bemerkenswerte Persönlichkeiten, die aus völlig verschiedenen Welten der Technik kommen. Schon am Anfang war uns bewusst, dass solch komplexe Personen ebenso komplexer Arbeiten bedürfen. Wichtig war uns, dass die Preise als zusammenhängend gesehen werden und doch auch individuell funktionieren.

DER ENTWURF
HASSO PLATTNER

Für den Entwurf für Hasso Plattner begaben wir uns in die Welt der Informatik, welche wesentlich abstrakter und weniger gegenständlich ist. Es geht in erster Linie um Informations- und Datenverarbeitung. Der Ring für Hasso Plattner sollte zusammen mit der dazugehörigen Kassette als Schlüssel für Informationen dienen. In seiner Gestaltung ist der Ring an die Formsprache von elektronischen Leiterplatten angelehnt. Goldene Linien verlaufen wie Leiterbahnen über hellgrünes Email und bilden dabei den Lorbeerzweig. Die Fassungen mit den Rubinen und Smaragden sind wie elektronische Bauteile in Bohrungen in der Oberfläche gesteckt und von hinten fixiert. Der Ring ist in zwei Hälften unterteilt, die in 16 Stufen zueinander verdrehbar sind. Durch dieses Verdrehen verändert sich die Komposition des Lorbeerzweiges und neue Formen und Schaltkreise entstehen. Die Kassette für den Ring dient neben der Aufbewahrung gleichzeitig als eine Art Ausgabegerät. Der Ring wird wie ein Datenträger auf den exponierten, mit goldenen Kontakten versehenen Zylinder gesteckt und erzeugt so eine Anzeige auf dem Display der Kassette. Dabei ist jedoch die Codierung des Ringes entscheidend. Nur wenn die beiden Hälften so zueinander gedreht sind, dass der Lorbeerzweig komplett und ohne Unterbrechung um den Ring herum läuft, wird ein Kontakt geschlossen und die Widmung für Hasso Plattner erscheint. Das Gehäuse der Kassette ist aus dunkelbraunem Edelholz gefertigt und mit einem 4.2 Zoll E-Paper-Display ausgestattet. In seiner reduzierten Form legt es den Fokus auf Ring und Display. Nur beim Rahmen des Displays und bei der Aufnahme des Ringes ist das Holz etwas dunkler gebeizt, um zusätzliche Akzente zu setzen. Die transparente vitrinenähnliche Abdeckung aus Acrylglas schließt die Kassette nach obenhin ab und trägt die Werner-von-Siemens- Medaille, die wie schwebend über dem Ring positioniert ist.

JOACHIM MILBERG

Für die Gestaltung des Ringes und der Kassette für Joachim Milberg wollten wir eine Formsprache entwickeln, die sich von einer automatisieren Produktionstechnik ableitet. Durch computer- und robotergestützte Fertigung lassen sich heute komplexe Kurvenverläufe mit mathematischer Präzision realisieren. Der Ring selbst sollte den Eindruck erwecken, in solch einer vollautomatischen Produktionsstrecke gefertigt worden zu sein. Der Ring aus 900er Gelbgold entwickelt sich aus einem Profil, welches sich vom klassischen Sechskant einer Schraube ableitet. Feine Linien verlaufen über die Ecken des Profils. Sie beschreiben eine logarithmische Skala, wie sie sich auch im Logo der Akademie der Technikwissenschaften wiederfindet. Die Fassungen der Rubine und Smaragde werden durch sich wiederholende Ausfräsungen freigestellt, die in ihrer klar definierten Kurvenführung die Möglichkeiten mehrachsiger bzw. robotergestützter Frästechnik zitieren. Dadurch bildet sich gleichzeitig der abstrahierte Lorbeerzweig. Der Kassette wiederum wollten wir das Aussehen eines Fräsautomaten oder einer ähnlichen Anlage aus den Produktionsstrecken der Automobilindustrie, verleihen. Die meisten CNC-Automaten und Produktionsanlagen sind durch gläserne Abdeckungen und Sicherheits- Scheiben abgeschirmt. Sie dienen einer- seits dem Schutz, ermöglichen andererseits die Kontrolle des Arbeitsvorgangs und lenken die Aufmerksamkeit auf das Werkstück. In dieser Weise sitzt der Ring innerhalb der Kassette auf einem sich langsam drehenden stilisierten Backenfutter und wird so als Werkstück inszeniert. Das Gehäuse ist aus gelbem Buchsbaum und geprägten und gefrästen Aluminiumteilen gefertigt und soll an die hellen Farbigkeiten von Industrierobotern und Werkhallen erinnern. Die geprägten Aluminiumbleche zitieren ihrerseits die dort verarbeiteten Karosseriebleche. Im Innern der Kassette befindet sich ein einfaches Getriebe, welches für das gleichmäßige, langsame Drehen des Rings verantwortlich ist. Der obere Teil des Sockels ist durch schräg angeordnete Einkerbungen als Bedienelement erkennbar. Wird dieses gedreht, wird über eine zweistufige Übersetzung ein Schwungrad in Rotation versetzt, welches wiederum den deutlich langsamer laufenden Ring über einen langen Zeitraum antreibt. Durch schmale Schlitze an den Seiten lässt sich eine Ahnung von der Funktionsweise dieses Innenlebens erhalten. Die Aufnahme des Ringes aus schwarzen Kunststoffteilen ist in ihrer Gestaltung nicht nur an das Backenfutter, sondern auch an Robotergreifarme angelehnt. In der tiefgezogenen Abdeckung darüber ist die Werner-von-Siemens- Medaille eingelassen und wie schwebend über dem Ring positioniert. Es war uns wichtig, einen Bezug zwischen den beiden Entwürfen für Hasso Plattner und Joachim Milberg herzustellen. Darum sind die beiden Kassetten in ihrer Erscheinung aufeinander abgestimmt.

DIE UMSETZUNG

Als wir Mitte Juni die Bestätigung der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring erhielten und der erste Freudentaumel langsam abklang, war uns klar, dass wir uns umgehend an die Arbeit machen mussten. Bis Ende November waren gut fünf Monate Zeit, aber auch genug zu tun. Zwar hatten wir ja schon einen ausformulierten Entwurf eingereicht, doch mussten nun noch viele Details ausgearbeitet werden. Die Montage der vielen Einzelteile untereinander musste geklärt werden. Die Drehmechanik des Rings für Hasso Plattner und das Getriebe für die Kassette für Joachim Milberg wollten genau konstruiert sein. Die verschiedenen Herstellungsmöglichkeiten wurden diskutiert. Ein nicht zu unterschätzender Zeitfaktor war das Finden geeigneter Zulieferer. Nicht weniger als acht Externe wurden mit der Anfertigung verschiedener Komponenten beauftragt. Beispielsweise die speziell geformten Edelsteine wurden eigens von einem Steinschleifer angefertigt und auch die Abdeckungen für die Ringkassetten aus Acrylglas waren Sonderanfertigungen. Da wir zu zweit waren, konnte zum Glück vieles parallel anlaufen. Während bis in die Nacht noch im 3D-Programm an den Mechaniken getüftelt wurde, konnte sich gleichzeitig um die Beschaffung der verschiedenen Materialien gekümmert werden. Den französischen Buchsbaum in den notwendigen Abmessungen zu finden war nicht einfach. Für einige Arbeitsvorgänge mussten zunächst Vorrichtungen und Werkzeuge gebaut werden. So zum Beispiel Fräsvorrichtungen zum Herstellen der Holzschatullen oder Tiefziehformen für die Acryl-Abdeckungen. Da wir die Möglichkeit hatten, im Sandgussverfahren eigene Aluminiumteile herzustellen, konnten wir so die Tiefziehformen über den Abdruck eines 3D-geplotteten Kunststoff- Modells generieren. Diese Technologie nutzten wir auch für die Aluminium- Komponenten der Kassette für Joachim Milberg. Für die Elektronik der Kassette für Hasso Plattner wurde ein Programmierer beauftragt. Das Display wurde in das Gehäuse eingepasst.

DIE FERTIGUNG DER RINGE

Schließlich ging es an die Fertigung der Ringe selbst. Die 3D-Modelle, die wir für die Darstellungen im Entwurf entwickelt hatten, konnten wir auch für die Herstellung weiter nutzen. Gerade für die Mechanik des drehbaren Ringes mussten jedoch noch viele Anpassungen vorgenommen werden. In der Edelmetallgießerei wurden dann mit den fertigen CAD-Daten Wachsmodelle gedruckt und anschließend in 900er Gelbgold gegossen. Die rohen Gussteile wurden anschließend von uns weiterverarbeitet. Für die Emailarbeiten und die Montage der vielen Einzelteile per Laser-Schweiß-Verfahren holten wir uns Unterstützung bei unseren alten Werkstatt-Meistern. Dazu besuchten wir für einige Tage unsere einstige Ausbildungsstätte, die Staatliche Zeichenakademie in Hanau. Es war ein schönes Erlebnis und große Freude für uns, die vielen alten Gesichter wieder zu sehen und mit diesen Experten des Goldschmiedehandwerks über ein solch spannendes Projekt zu philosophieren. Schließlich ließen wir auch die Smaragde und Rubine bei einem Edelsteinfasser in Hanau fassen. Zurück in Halle trafen langsam auch die letzten Einzelteile für die Kassetten ein – neben den tiefgezogenen Abdeckungen zum Beispiel auch die lasergravierten Plaketten. Das Getriebe wurde zum Laufen gebracht, das Holz geschliffen und geölt und nach und nach wurden alle Teile miteinander verleimt oder verschraubt. Es war eine große Erleichterung, als endlich die fertigen Kassetten vor uns standen und wir die fertigen Ringe hineinsetzten konnten. Für uns war es eine große Herausforderung, die wir jedoch nie bereut haben, angenommen zu haben. Schließlich bekommt man nicht alle Tage die Möglichkeit, den Werner-von- Siemens-Ring zu gestalten.