Forscher/innen haben Deutungsmacht

Fake News, wissenschaftlicher Erfolgsdruck, ökonomische Zwänge – die Forschung ist aktuell mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, wenn es darum geht, ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Gesellschaft zu bewahren. Doch welche Rolle nimmt die Wissenschaft und Forschung für und in unserer Gesellschaft ein? Wie können wir die notwendigen Voraussetzungen für deren glaubhaftes Funktionieren in einem System gegenseitiger Abhängigkeiten besser verstehen und fördern? Über diese und weitere Fragen haben bei der Veranstaltung der Werner-von-Siemens-Ring-Stiftung am 16. September 2019 im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Politik unter dem Titel „Vertrauen. Macht. Forschung.“ diskutiert.

Die Podiumsdiskussion, bei der sich Jörg Hacker, Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Karl-Heinz Streibich, Präsident der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung a. D. austauschten, wurde von Jan-Martin Wiarda, Wissenschaftsjournalist, moderiert. Jede Fragerunde wurde durch ein Statement eines Jungwissenschaftlers eingeleitet. Hier äußerten sich Andreas Dörr, Lorenz Schmitt und Gerhard Kurz. Joachim Ullrich, Präsident der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und Vorsitzender des Stiftungsrates des Werner-von-Siemens-Rings begrüßte die Teilnehmenden, führte in die Veranstaltung ein und fasste sie mit einem kommentierenden Fazit zusammen.

Wissenschaft begründet sich auf ihrer Objektivität, Replizierbarkeit und ihrem Wahrheitsanspruch. Wo das Bild des sachlich, wahrhaftigen Forschers wackelt, bröckelt das Vertrauen.

Joachim Ullrich Präsident der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und Vorsitzender des Stiftungsrates des Werner-von-Siemens-Rings

Vertrauen und Glaubwürdigkeit

Joachim Ullrich wies in seinen Begrüßungsworten auf die stolze, über 100-jährige Geschichte der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring hin, die anlässlich des 100. Geburtstages von Werner von Siemens gegründet wurde, um die Technikwissenschaften zu fördern, diese in der öffentlichen Meinung positiv zu verankern und den wissenschaftlichen Nachwuchs zu motivieren. Ullrich betonte, dass die Themen der Stiftung damals wie heute hochaktuell und brisant seien, denn die Machtverhältnisse zwischen wissenschaftlicher Forschung, Gesellschaft, Industrie und nicht zuletzt Politik beeinflussen politische Verhältnisse mehr denn je – insbesondere durch technologische Entwicklungen und Möglichkeiten – wie z. B. das Internet und die Sozialen Medien. Ullrich konstatierte, dass sich die Wissenschaft in einer Vertrauenskrise befände und bewertete dies als sehr gefährlich. Wissenschaft sei der Objektivität und Reproduzierbarkeit verpflichtet, wissenschaftliche Erkenntnisse werden in der Gesellschaft als wahr anerkannt – insbesondere vor dem Hintergrund des wissenschaftlichen und ökonomischen Erfolgsdrucks gelte es, das Vertrauen in der Gesellschaft zu verteidigen.

„Wissenschaft lebt von ihrer Unabhängigkeit und sucht nach bestem Wissen und Gewissen nach der Wahrheit. Transparenz von Zahlungsströmen ist in diesem Kontext unerlässlich.“

Martin Stratmann Präsident der Max-Planck-Gesellschaft

Wissenschaft in der Vertrauenskrise?

Doch wie steht es um das Vertrauen der demokratischen Gesellschaft in die Wissenschaft? Steckt es wirklich in einer Krise? Und hat das Vertrauen in die Wissenschaft in den vergangen Jahren wirklich gelitten? Zu diesen Fragen herrschte Einigkeit auf dem Podium: Sie wurden ganz eindeutig verneint und wurden von Stratmann direkt mit einer Studie des aktuellen Wissenschaftsbarometers unterlegt. Demnach vertrauen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung der Wissenschaft sehr stark, sieben Prozent vertrauen ihr nicht und 40 Prozent gaben an, dass sie keine Meinung dazu haben. Bei der Frage, worauf das Misstrauen basiere, stachen zwei Dinge hervor: Zum einen sei es die Abhängigkeit von Geldgebern, d. h. man könne nicht darauf vertrauen, dass die Erkenntnisse nicht den Wünschen der Auftraggeber entsprechen. 80 Prozent machten die Abhängigkeit der Wissenschaft von der Industrie für ihr Misstrauen verantwortlich.

Auch Wanka sieht keine Vertrauenskrise in der Wissenschaft, ganz im Gegenteil: Wissenschaft habe heutzutage mehr Deutungsmacht denn je. Vor 20 bis 30 Jahren sei die Wissenschaft noch unter dem Radar des Normalbürgers gewesen, heute sei sie im Alltag der Menschen angekommen. Als Beispiel nannte sie den Klimawandel und erklärte, dass Informationen aus der Wissenschaft unmittelbare Auswirkungen auf die Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger haben. Auch Hacker empfindet ein eher gewachsenes Vertrauen gegenüber der Wissenschaft, auch seitens der Politik. Als jüngstes Beispiel nannte er die Feinstaubdebatte, bei der die Politik aktiv auf die Wissenschaft zukam, und um eine Stellungnahme zum Einfluss von Feinstaub auf die Gesundheit der Menschen bat. Nach der Erstellung einer Studie zu dieser Fragestellung sei die Debatte rund um Feinstaub viel sachlicher geworden, bestätigt auch Streibich.

„Wissenschaftler haben Deutungsmacht. Wissenschaftler sollten deshalb klar machen, dass es sich nicht um die absolute Wahrheit handelt, sondern um relative Wahrheiten.“

Johanna Wanka Bundesministerin für Bildung und Forschung a. D.

Wissenschaft genießt hohe Reputation

Studien wie diese seien ein guter Weg, um Menschen darüber zu informieren, was der Nutzen eines technischen Fortschritts liegt und welche Chancen und Risiken wirklich damit verbunden sind. Sie tragen so dazu bei, dass Menschen selbstbestimmt handeln können. Jungwissenschaftler Andreas Dörr rundete die Diskussionsrunde ab und stimmte zu, dass viele Leute Glauben in die Wissenschaft haben. Allerdings sehe er noch viele Themen, wo wissenschaftliche Erkenntnisse in der Gesellschaft noch nicht durchgedrungen seien und nannte als Beispiel das Thema Feinstaub für die Stadt Stuttgart. Hier stünden nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Bevölkerung sondern eher die wirtschaftlichen Interessen bzw. Interessenskonflikte zwischen Politik und Wirtschaft.

Wissenschaft und Macht

Unbestritten blieb, dass Wissenschaft einen großen Einfluss auf die Gesellschaft und Politik hat und damit auch viel Macht einhergeht. Dies war das zentrale Thema der zweiten Diskussionsrunde, bei der die Podiumsgäste darüber diskutierten, wie Wirtschaft, Wissenschaft und Politik voneinander abhängig sind und wer dabei die Führungsrolle übernimmt, beziehungsweise sie übernehmen sollte. Hier kam zunächst Jungwissenschaftler Lorenz Schmitt auf die Bühne und kritisierte, in seinem Arbeitsalltag davon abhängig zu sein, was politisch im Moment gewollt sei und beklagte, dass die wichtigen Themen von der Politik bestimmt werden, nicht von der Wissenschaft.

Forschungsfreiheit im Grundgesetz

Hier hakte Johanna Wanka ein und unterstrich, dass freie Forschung im Grundgesetz verankert sei und der Staat die Rahmenbedingungen für freie Forschung garantiere. Als Beispiel nannte sie die Forschungsgelder der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Wanka betonte, dass bei der Entwicklung von Förderprogrammen die Politik im engen Austausch und einem sehr verantwortungsbewussten Dialog mit Wissenschaftlern stehe. Hier hakte Stratmann ein, dass Wissenschaft zwar von der Freiheit lebe, aber immer auch abhängig von Finanzierung sei. Die Lösung lege hier in unserem resilienten System, bei dem sich die Wissenschaft sowohl durch den Staat, die Industrie als auch die Gesellschaft finanziere. Der Staat müsse dabei aber stets die wissenschaftliche Freiheit der Forschung garantieren.

„Politiker sind Menschen, mit denen man reden kann. Die Gesprächs- und Diskussionskultur in Deutschland hat sich sehr gut entwickelt.“

Jörg Hacker Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina

Fruchtbare Kooperationen

Auf die Frage des Moderators, ob es gut sei, wenn es einen Dialog zwischen Politik und Wissenschaft gibt oder ob es besser sei, wenn Wissenschaft bestimmte, waren sich die Podiumsgäste einig, dass ein Dialog viel fruchtbarer ist. Stratmann verwies in diesem Zusammenhang auf das Beispiel des Ozonloches, bei dem die Wissenschaft Fakten lieferte, die Politik handelte und das Problem sehr schnell behoben wurde. Auch Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft seien in der Vergangenheit sehr fruchtbar gewesen, so Streibich. Beispiele wie Google zeigen, dass solche Kooperationen auch zu wirtschaftlichem Erfolg und damit zum Erhalt einer Vormachtstellung führen können. Im Fall Google sei es aber nicht die Wissenschaft gewesen, die den Algorithmus entwickelt habe, sondern die Wirtschaft!

Mehr Mut zur Wissenschaft

Allerdings könne das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik auch dazu beitragen, dass Themen systematisch von der Agenda verschwinden. Wanka nannte hier als Beispiel die Fusionsforschung, Tierversuche oder die Gentechnik. Hier sei die Wissenschaft machtlos, denn diese Themen seien gesellschaftlich nicht gewünscht, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesen Themen in der Zukunft sehr erkenntnisreich sein könnten. Hier wünsche man sich von der Politik mehr Mut, gesellschaftliche unbequeme Themen zugunsten des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnes zu verfolgen.

Verantwortung für Forschung

Welche Verantwortung Wissenschaft trägt und wie sinnvoll Verantwortung für Forschung übernommen werden kann, bestimmte die Diskussion des letzten Programmpunktes. Hier verwies Jungwissenschaftler Gerhard Kurz darauf, dass Verantwortung auch auf einer guten und klaren Kommunikation basiere. Welche Erkenntnisse haben wir? Welche haben wir nicht? Welche Erkenntnisse sind gefestigt, welche sind neu oder eher experimentelle Ergebnisse aus kleineren Studien? Das sei den Menschen nicht immer klar und werde nicht offen kommuniziert.

Wissenschaft liefert Diagnose und Therapie

Hier lenkte Stratmann ein, dass die Wissenschaft in Deutschland sehr hohe Freiheitsgrade genieße und dass dies ohne Verantwortung gar nicht möglich sei. Das A und O sei es, keine Versprechen zu machen, die nicht gehalten werden können, und ehrlich zu sein. Wissenschaft solle demnach nicht nur die Diagnose liefern, sondern gleichzeitig auch die Therapie – also Lösungsansätze – aufzeigen. Als Beispiel nannte er den Klimawandel, bei dem man die Leute mitnehmen müsse und ihnen zeigen müsse, was sie tun können anstatt sie nur mit Katastrophenmeldungen zu konfrontieren.

„Wir sind als Gesellschaft nur dann zukunftsfähig, wenn Wissenschaft wertgeschätzt, gefragt und gehört wird, und somit bei den Menschen ankommt, sie betrifft und berührt.“

Karl-Heinz Streibich Präsident der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

Interdisziplinäre Diskussionen erwünscht

Wanka hielt fest, dass es bei der Entwicklung von Lösungsansätzen oft hilfreich wäre, wenn die Diskussionen auch zwischen den Fächern stattfinden würden und nannte hier das Thema Robotik. Hier gäbe es zu wenig Kommunikation mit Ethikern oder Psychologen, obwohl das Thema ganz eindeutig auch ethische Relevanz für die Gesellschaft hätte. Diesen Eindruck bestätigte auch Kurz, der selbst im Fachbereich Robotik forscht.

Kommunikation schafft Brücken

Dass Kommunikation ein zentraler Schlüssel sei, wenn es um den Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Gesellschaft gehe, ließen die Podiumsgäste außer Frage. Doch wie kommuniziert man richtig in Zeiten von Youtube-Kanälen, die mehr Follower haben als eine Wissenschaftsplattform und Echoräumen, in denen Nutzer auch falsche Meinungen schnell bestätigt finden? Hier solle man die Kanäle der etablierten Institutionen nutzen, denn nur hier könne man die Qualitätsstandards zur Kommunikation garantieren und sichergehen, dass Informationen für die Zielgruppe auch verständlich sind, warf Streibich ein.

Medien mit Verantwortung

Moderator Jan-Martin Wiarda kommentierte die Diskussionsrunde mit einem Plädoyer an seine eigene Berufsgruppe. Die Verantwortung der Medien habe angesichts der vielen Stimmen, die es in der Öffentlichkeit gibt, zugenommen, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik zu gestalten. Denn auch die Medien stehen vor einer Informationsflut, bedingt dadurch, dass jeder Empfänger von Nachrichten selbst zum Sender werden kann. Oft werde den Medien eine Mitschuld gegeben, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse zu sehr gehypt oder übertrieben werden. Dieses Problem könne aber nur im Zusammenspiel von Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus gelöst werden.

Ullrich schloss die Podiumsdiskussion und stimmte zu, dass sich die Wissenschaft wieder mehr und gezielter äußern müsse. Dabei müsse sie aber klar kommunizieren, dass es weder die eine Meinung noch die eine Wahrheit gibt. Eine noch größere Herausforderung in der Zukunft sehe er aber in der Ökonomisierung der Wissenschaft, d. h. dass die Wissenschaft und ihre Wirksamkeit gemessen und bewertet werden. Ullrich plädierte für die Rückkehr zu einer wertebasierten – nicht wirtschaftsbasierten – Wissenschaft. Auf dieser Basis schaffte es auch einst Werner von Siemens aus seiner ersten großen Liebe – der Wissenschaft – Technologien umzusetzen und ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen.

Text: Simone Kleeberger

 

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