JÖRG SCHLAICH – Ringträger 2002

Über die Person

Jörg Schlaich
* 17. Oktober 1934 in Stetten i.R.
+ 3. September 2021 in Berlin

Der Stiftungsrat der Stiftung Werner-von- Siemens-Ring hat am 13. Dezember 2002 den Werner-von-Siemens-Ring – Ehrenring für Verdienste um Naturwissenschaft und Technik – verliehen an Jörg Schlaich in Würdigung seiner Verdienste als Konstrukteur und Gestalter innovativer Türme, Brücken und weitspannender Dächer sowie als Erfinder zukunftsweisender Sonnenkraftwerke.

Visionärer Konstrukteur und Gestalter innovativer Bauwerken

„Haben Sie wirklich mich gemeint? Ist es so was Besonderes, wenn man das tut, was alle ‚rechten‘ Leute tun: versucht, seine Sache ‚recht‘ zu machen, nicht alles in die Ecke zu kehren; manchmal etwas stur und unbequem – eingebettet in ein verlässliches und anregendes Umfeld, die Familie, Freunde, Kollegen.“ So begann Jörg Schlaich seine Dankesrede, nachdem seine technisch-wissenschaftlichen Leistungen, die zur Verleihung des Werner-von-Siemens-Ringes führten, ausführlich gewürdigt wurden .

Geboren am 17. Oktober 1934 in Stetten bei Stuttgart, wuchs er in einem christlich-liberal geprägten Elternhaus auf. Grundschule und Gymnasium besuchte er in Stetten, Heilbronn und Waiblingen und absolvierte parallel zum Besuch des Gymnasiums eine Schreinerlehre. 1953 begann er mit dem Studium des Bauingenieurwesens und der Architektur an der damaligen TH Stuttgart. Nach dem Vordiplom 1955 wechselte er mit einem Berlin-Stipendium von 60 DM monatlich an die TU Berlin und setzte dort das Studium des Bauingenieurwesens fort. Pakete aus der schwäbischen Heimat, ein Job als Hilfsassistent am Institut für Stahlbeton sowie „musikalische Nebeneinkünfte“ reichten zum Überleben.

Im Februar 1959 schloss er das Studium mit dem Diplom ab. Es folgte ein Jahr Studium in den USA, verbunden mit einer Lehrtätigkeit am Case Institute of Technology in Cleveland, Ohio, wo er auch den „Master of Science“ ablegte. 1961 trat Jörg Schlaich als Entwurfsingenieur in die Baufirma Ludwig Bauer in Stuttgart ein und arbeitete parallel dazu an seiner Dissertation zu dem Thema „Die Gewölbewirkung in durchlaufenden Stahlbetonplatten“.

Nach seiner Promotion zum Dr.-Ing. 1963 wurde er Mitarbeiter im Büro Leonhardt und Andrä, Beratende Ingenieure, und ab 1970 Partner dieses erfolgreichen Unternehmens. Hier arbeitete er zunächst an Entwürfen und Konstruktionen von Türmen und Schalen, später dann auch von Dächern.

Nachdem er schon seit 1967 einen Lehrauftrag an der Universität Stuttgart hatte, wurde er 1974 als Nachfolger von Fritz Leonhardt, Professor und Direktor des „Instituts für Massivbau“ dieser Universität, das später auf sein Betreiben in „Institut für Konstruktion und Entwurf“ umbenannt wurde. Er leitete es bis zu seiner Emeritierung im Oktober 2000.

Es war stets das Anliegen des Bauingenieurs Jörg Schlaich, Bauwerke nicht nur nach ihrer Funktionalität und Zweckbestimmung zu planen und auszuführen, sondern sie auch als Teil unserer Kultur und als Ingenieurkunst im umfassenden Sinne des Wortes zu verstehen. Dabei förderten seine innovativen Ideen, z. B. für „vorgespannte Seilnetzkonstruktionen“ oder Aufwindkraftwerke, den technischen Fortschritt und verschafften ihm international hohes Ansehen.

Zu seinen bekanntesten Bauwerken gehören das Dach des Münchener Olympiastadions, bei dem er als Konstrukteur mitwirkte, und die Ting-Kau-Bridge in Hongkong. Beide Brücken sind von der Konstruktion her Schrägseilbrücken, die im Vergleich zu den klassischen Hängebrücken „selbstverankert“ sind, indem sie den Fahrbahnträger zum Ausgleich der Druckkräfte aus den Schrägseilen nutzen. Eine Schrägseilbrücke kann gerüstlos im „Freivorbau“ hergestellt werden und sie verformt sich unter Verkehrslast weniger als die Hängebrücke.

Im weltweiten Wettbewerb um die Williamsburg Bridge in New York wurde sein Entwurf mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Zahlreiche Fußgänger- und Verkehrswegebrücken in Deutschland und weltweit sind in ihrer Gestaltung beeindruckend, imposant und fügen sich als konstruktive Kunstwerke in ihre Umgebung ein. Beispiele hierfür sind die Fußgängerbrücke am Max-Eyth-See in Stuttgart 1989 oder die Klappbrücke Kieler Hörn 1997.

Das Münchner Olympiadach von 1972 steht nur am Beginn einer langen Folge von großartigen Dachkonstruktionen, die in aller Welt unverkennbar die Handschrift von Jörg Schlaich tragen. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit, das die gelungene Symbiose moderner Technik und historischer Bausubstanz zeigt, ist die 2002 fertiggestellte Überdachung des Schlüterhofes im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Erwähnt seien auch der Seilkühlturm Schmehausen und der filigrane Aussichtsturm auf dem Killesberg in Stuttgart. Schlaichs Konstruktionen – gleich welcher Art, ob Brücke, Dach oder Turm – sind nicht nur technische Meisterleistungen; sie sind geprägt von einer ganzheitlichen Bewertung, bei der Ästhetik, Einbeziehung ökologischer und sozialer Aspekte sowie Einbindung des Bauwerkes in sein landschaftliches Umfeld wesentliche Elemente bei der Planung und Realisierung sind. Das „Ganzheitliche“ ist dabei nicht absolut und eindeutig beschreibbar, sondern entsteht im Beziehungsgeflecht der funktionalen, ästhetischen und sozialen Anforderungen an ein Bauwerk. Die Hooghly-Brücke in Kalkutta über einen der Mündungsarme des Ganges, die in den Jahren 1971 bis 1993 entstand, ist ein beeindruckendes Beispiel dafür. Mit den örtlichen Möglichkeiten – auch bezogen auf den Arbeitsmarkt vor Ort, z. B. Nieten statt Schweißen – haben sich technologische Neuerungen sowie die Schaffung tausender Arbeitsplätze in der Region verbunden.

Durch seine kreative wie auch verantwortungsbewusste Arbeit sind seine Ingenieurbauten mehr als nur Bestandteil einer technischen Infrastruktur. Sie erfüllen vielfältige gesellschaftliche Funktionen. So leisten Brücken, Hallen und andere Bauwerke einen wichtigen Beitrag für die Kommunikation in Gesellschaft und Wirtschaft und sind damit in ihrer gesellschaftspolitischen Aussage eine Botschaft zu positiver Lebenseinstellung.

Jörg Schlaich hat mit seinem Ideenreichtum und seiner besonderen Beziehung zur Ökologie aber auch neue technische Wege zur umweltfreundlichen Energiegewinnung aufgezeigt: das Solar-Aufwindkraftwerk. Nach der Grundidee dieser Technologie wird Luft von der Sonne unter einem Glasdach erwärmt, die dann in einem Turm Aufwind erzeugt, der Turbinen antreibt. Die Leistung eines solchen Kraftwerks, das sein Büro entworfen hat, soll 200 MW betragen. Andere Möglichkeiten einer Nutzung ökologischer Energiequellen, um die soziale und ethische Kluft zwischen Arm und Reich zu überbrücken, hat er innovativ umgesetzt. Hierzu gehören solare Kleinkraftwerke. Sie sichern die unabhängige Energieversorgung abgelegener Standorte und heben den dortigen Lebensstandard.

Bei seiner Wahl für die Verleihung des Werner- von-Siemens-Ringes erkannte der Stiftungsrat im Jahre 2002 drei Gesichtspunkte, welche die Werke von Jörg Schlaich besonders auszeichnen:

  1. Herausragende Leistungen im Entwerfen und in der Konstruktion von Bauwerken als technische Innovationen mit der Herausforderung, Außergewöhnliches zu schaffen
  2. Ästhetik als wesentliches Element der Planung von Bauwerken
  3. Einbeziehen ökologischer und sozialer Aspekte bei der Planung und Realisierung von Bauwerken.

Die Überreichung des Ringes am 12. Dezember 2003 war ein krönendes Zeugnis seiner außergewöhnlichen Leistungen.

Kurzbiographie

1939-1953 Schule und Gymnasium in Stetten, Heilbronn und Waiblingen, daneben Schreinerlehre.

1953 Abitur und Gesellenprüfung.

1953-1955 Studium der Architektur und des Bauingenieurwesens an der Universität Stuttgart.

1955-1959 Studium des Bauingenieurwesens an der TU Berlin.

1959-1960 Bauingenieurstudium, Graduate Assistant und Lecturer für Stahlbetonkonstruktionen am Case Institute for Technology, Cleveland, Ohio, USA.

1961 Master of Science.

1961-1963 Entwurfsingenieur bei der Baufirma Ludwig Bauer, Stuttgart.

1963 Promotion zum Dr.-Ing. an der Universität Stuttgart,

Thema „Die Gewölbewirkung in durchlaufenden Stahlbetonplatten“.

1963-1969 Entwurfsingenieur bei Leonhardt und Andrä, Beratende Ingenieure, Stuttgart.

1970-1979 Partner bei Leonhardt und Andrä.

1980 Gründung der Partnerschaft: Schlaich, Bergermann und Partner GbR, Beratende Ingenieure im Bauwesen, Stuttgart.

Universitätstätigkeit:

1967-1974 Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart, Institut für Massivbau.

1974-2000 Professor und Direktor des Institut für Massivbau (später umbenannt in Institut für Konstruktion und Entwurf) an der Fakultät für Bauingenieur- und Vermessungswesen der Universität Stuttgart (emeritiert 2000).

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