MARTIN HERRENKNECHT – Ringträger 2015

Über die Person

Martin Herrenknecht
* 24. Juni 1942 in Lahr/Schwarzwald

Der Stiftungsrat der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring hat am 11. Dezember 2015 beschlossen, Herrn Dr.-Ing. E.h. Martin Herrenknecht in Anerkennung seiner herausragenden Leistungen bei der technischen Entwicklung von Tunnelbohrmaschinen und für deren erfolgreichen weltweiten Einsatz unter schwierigsten Bedingungen den „Werner-von-Siemens-Ring“ – Ehrenring für Verdienste um Naturwissenschaft und Technik – zu verleihen

Martin Herrenknecht baut die größten Tunnelbohrmaschinen der Erde und ermöglicht damit spektakuläre Projekte, unter anderem den Gotthard-Basistunnel, die vierte Röhre des Hamburger Elbtunnels und im Sommer 2015 einen Tunnel tief unter dem Bosporus.

Visionärer Maschinenbauer, Weltmarktführer für Tunnelbohrmaschinen

Der Ingenieur Martin Herrenknecht, der mit dem Werner-von-Siemens-Ring 2015 geehrt wurde, kann auf eine einzigartige ingenieurtechnische und unternehmerische Erfolgsgeschichte zurückschauen. Er und seine Mitarbeiter haben entscheidend zum Gelingen zahlreicher, technisch herausfordernder Tunnelbauprojekte beigetragen, die weltweit Aufsehen erregt haben. Aus seinem 1975 gegründeten Ingenieurbüro hat sich das auf dem Weltmarkt führende Unternehmen für die maschinelle Vortriebstechnik im Tunnelbau entwickelt, mit der u. a. der Gotthard-Basistunnel und ein Tunnel unter dem Bosporus gebohrt wurden.

Martin Herrenknecht wurde am 24. Juni 1942 in Lahr in Südbaden am Westrand des Schwarzwaldes geboren und wuchs im nahegelegenen Schwanau-Allmannsweier auf. Sein Vater hatte eine Polsterei in Schwanau, die sein ältester Bruder übernahm. Nach dem Besuch der Volksschule in Allmannsweier und des Max-Planck- Gymnasiums in Lahr bis zur Mittleren Reife machte Martin Herrenknecht zunächst ein Praktikum beim Ausbesserungswerk der Bundesbahn in Offenburg. 1961 ging er an die Fachhochschule in Konstanz und studierte dort Maschinenbau. Noch keine 22 Jahre alt, schloss er sein Studium 1964 mit der staatlichen Ingenieurprüfung als Dipl.-Ing. (FH) ab.

Es folgten Wanderjahre, die ihn in verschiedene Länder, Unternehmen und Positionen brachten. Von 1964 bis 1968 war er Konstruktionsingenieur für Straßenbaumaschinen und Vibrationswalzen bei der Schweizerischen Ammann AG in Langenthal. Als Projektleiter arbeitete er von 1968 bis 1970 bei der Anthes Eastern LTD. in Toronto, Kanada, und in Iowa, USA. In Abendkursen an der Universität verbessert er seine englischen und französischen Sprachkenntnisse, so dass er in diesen Sprachen Vertragsverhandlungen führen kann. Von 1970 bis 1971 war er Projektleiter beim Landmaschinenhersteller John Deere in Mannheim und anschließend Konstruktionsleiter beim Betonmischanlagenhersteller Elba in Ettlingen bei Karlsruhe.

Die entscheidende Wende in seiner beruflichen Laufbahn kam 1971, als er vier Jahre lang in der Schweiz beim Bau des 9292 Meter langen Seelisberg-Straßentunnels am Vierwaldstätter See den maschinentechnischen Dienst leitete. Obwohl er zuvor noch nie mit Tunnelbohrmaschinen gearbeitet hatte, war er nun für den Betrieb der damals zweitgrößten, 1200 Tonnen schweren Maschine mit einem Durchmesser von rund 12 Metern verantwortlich. Das seien seine Schlüsseljahre gewesen, sagte Herrenknecht 2011. „Im Seelisbergtunnel, von 1971 bis 1975, habe ich erfahren, was ein Berg ist. Was es braucht, ihn zu bezwingen: Fantasie und Ausdauer.“

Die Arbeit am damals längsten doppelröhrigen Straßentunnel der Welt sei eine harte und herausfordernde Aufgabe gewesen, nicht zuletzt weil die amerikanische Tunnelbohrmaschine oft im Fels stecken blieb. Sie sei ein unfertiges Gerät gewesen, das man erst im Tunnel zur Reife gebracht habe. „Dabei gewann ich den Eindruck, dass es einen enormen Nachholbedarf im maschinellen Tunnelvortrieb gab und eine Marktlücke zu schließen war.“ Zudem lernte Herrenknecht, wie man unter extremen Bedingungen Mitarbeiter motiviert und begeistert.

Der Seelisbergtunnel markiert auch das Ende von Martin Herrenknechts Wanderjahren. Er kehrte 1975 nach Lahr zurück und gründet dort ein Ingenieurbüro, das in seiner Wohnung untergebracht war. Seine Mutter lieh ihm 25000 DM für das nötige Startkapital. Er entwickelte die Tunnelbohrmaschinen MH1 bis MH3, mit denen Rohrleitungen von ein bis vier Metern Durchmesser in lockerem Boden verlegt werden konnten. Bei diesem mechanisierten Rohrvortrieb wurden die Tunnelbohrmaschine und der dahinterliegende Rohrstrang hydraulisch vorangepresst.

Martin Herrenknecht gründete 1977 die Herrenknecht GmbH in Lahr, die drei Jahre später nach Schwanau umzog. Für seine innovativen Rohrvortriebsmaschinen MH1 bis MH3 gab es zwar viele Interessenten, doch zunächst existierten die Maschinen nur auf dem Papier. Es fehlte ein Referenzprojekt, mit dem sich potentielle Kunden überzeugen ließen. Das änderte sich 1978, als er den Auftrag zum Bau eines Abwasserkanals in Luxemburg erhielt und die MH3 mit einem Bohrerdurchmesser von 1,20 Meter verkaufen konnte. Nun war der Bann gebrochen. Interessenten konnten sich von der Qualität und Leistungsfähigkeit der Maschinen überzeugen, die man vielfältig einsetzen konnte, da sich die einzelnen Maschinenkomponenten auswechseln ließen. So wurden die MH1 und ihre beiden Nachfolger insgesamt rund 500mal verkauft.

1979 erwirtschaftete Martin Herrenknecht mit sechs Angestellten die umgerechnet erste Umsatz-Million in Euro. Er stellte weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, wobei er gern auf die gut ausgebildeten Absolventen der Fachhochschule Offenburg zurückgriff, die durch das Leben im Dreiländereck von Deutschland, Schweiz und Frankreich international geprägt sind. Bis dahin hatte Herrenknecht nur Bohrmaschinen für lockeren Boden gebaut. Doch die am Seelisbergtunnel mit Felsgestein gemachten Erfahrungen ließen ihn nicht mehr los: „Der Berg ging mir nicht aus dem Kopf.“ 1980 entwickelt er seine Maschinentechnik weiter, für den mechanisierten Rohrvortrieb auch im Festgestein.

Mit Beginn der 1980er Jahre entwickelte Herrenknecht Maschinen für den Schildvortrieb. Die zunächst begehbaren Maschinen hatten einen Durchmesser von drei bis vier Metern. Sie bestanden aus einem Schild, in dem ein Bohrkopf rotierte, und einem Fördersystem, mit dem das Bohrgut aus dem Tunnel transportiert wurde. Hinzu kamen später auch Bohrmaschinen für nicht begehbare Tunnel mit 0,5 bis 1,4 Meter Durchmesser, etwa für Kabel oder Abwasserleitungen. Diese „Kleinmaschinen“ von Herrenknecht, die ferngesteuert ihr Ziel erreichten, waren so erfolgreich, dass sie die japanischen Tunnelbohrmaschinen vom Markt verdrängten. Die Tunnelbohrmaschinen wurden sowohl für Felsgestein als auch für Lockergestein wie Ton und Kies entwickelt, so dass sie den jeweiligen geologischen Verhältnisse angepasst werden konnten.

Mitte der 1980er Jahre begann Herrenknecht, Tunnelbohrmaschinen für Verkehrstunnel mit Durchmessern von 6 bis 10 Metern zu bauen, die schon bald in Deutschland und Europa führend waren. Mit der von ihm und seinen Mitarbeitern entwickelten Mixschildtechnologie können Tunnel im Grundwasser und sogar im lockeren Sediment unter Flüssen gebaut werden. Dazu dichtet der Schild das Innere des Tunnels mit flüssigem Bentonit gegen das umgebende Wasser ab. Die Tunnelwände werden beim Vorrücken des Schildes mit vorgefertigten Betonsegmenten, sogenannten Tübbingen, ausgekleidet und gesichert.

Ab 1988 wurden mit Herrenknechts Mixschildtechnologie Tunneldurchmesser von über 10 Metern möglich. So war das Schwanauer Unternehmen mit dem gut 14 Meter durchmessenden Mixschild TRUDE („tief runter unter die Erde“) am Bau der 2002 eröffneten vierten Röhre des Hamburger Elbtunnels beteiligt. Und im August 2015 wurde der 5,4 km lange Bosporustunnel in bis zu 120 Metern Tiefe nach 16 Monaten Vortrieb fertiggestellt, und zwar ebenfalls mit Hilfe eines Mixschildes, der knapp 14 Meter groß war und einem Wasserdruck von bis zu 11 Bar standhalten musste.

Von 1989 ab entwickelte Herrenknecht auch große Tunnelbohrmaschinen für Felsgestein. Vier solcher Maschinen bohrten die beiden Röhren des 57 km langen Gotthard-Basistunnels, des längsten Eisenbahntunnels der Welt. Jede dieser Maschinen hatte einen Durchmesser von 9,58 Meter und ein Gewicht von 2200 Tonnen, war fast einen halben Kilometer lang und hatte eine Antriebsleistung von 4750 PS. Am 19. Juli 2009 stellt eine der vier Maschinen im Hartgestein einen Weltrekord auf: Sie bohrte in 24 Stunden 56 Meter Tunnel. Am 15. Oktober 2010 war der feierliche Durchschlag der ersten Röhre, zu dem Martin Herrenknecht angereist war. Sichtlich stolz sagte er: „Der Gotthard ist die Königsklasse!“

Diese Großprojekte sind ein Beleg für die weltweit führende Rolle im Tunnelbau, die das Schwanauer Unternehmen spielt, das sich in den beiden letzten Jahrzehnten rasch entwickelt hat. 1998 wurde die Herrenknecht GmbH in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren Vorstandsvorsitzender Martin Herrenknecht seither ist. Im selben Jahr erwirtschaftete der Herrenknecht Konzern einen Umsatz von 175,5 Mio. Euro und beschäftigte 823 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Jahr 2012 verbuchte der Konzern, zu dem inzwischen 77 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften im In- und Ausland gehörten, einen Umsatz von 1,1 Mrd. Euro, und die Zahl der Beschäftigten lag weltweit bei rund 5000.

Obwohl Martin Herrenknecht zahlreiche Patente besitzt, sieht er sich nicht als Erfinder: „Nein, ich bin Ingenieur. Große Erfindungen habe ich keine gemacht. Aber mein Team und ich haben technisch hochwertige Maschinen entwickelt.“ Als weltweit einziges Unternehmen liefert die Herrenknecht AG Tunnelbohrmaschinen für alle Baugründe und in Durchmessern von 10 Zentimetern bis 19 Meter. Die mit ihnen gebauten Tunnel helfen in vielen Ballungsgebieten der Welt, die drängenden Verkehrs- und Versorgungsprobleme zu lösen. Über 3100 Projekte wurden bis Ende April 2016 mit der Herrenknecht-Vortriebstechnik abgeschlossen. Es entstanden u. a. 1333 km Metrotunnel, 572 km Bahntunnel und 233 km Straßentunnel.

Martin Herrenknecht zeichnet sich gleichermaßen durch seine direkte Art wie durch sein soziales Engagement aus. Als der Landesbischof bekanntgab, die Stelle des Allmannsweier Pfarrers zu halbieren, antwortete er: „Herr Bischof, ich kenne keinen halben Pfarrer!“ – und bezahlte für den Pfarrer ab 1999 die Hälfte des Gehalts (und ab 2014 sogar das volle Gehalt), wofür sich dieser besonders um die örtliche Jugend kümmern muss. Dem von ihm einst besuchten Max-Planck-Gymnasium in Lahr spendet er jährlich 35000 Euro zur Förderung der Naturwissenschaften. Für Studenten an verschiedenen Technischen Universitäten und Hochschulen vergibt er Stipendien, und am Karlsruher Institut für Technologie finanziert er eine Stiftungsprofessur für Petrophysik.

Zahlreiche Ehrungen wurden Martin Herrenknecht zuteil. So erhielt er 1998 die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Braunschweig, 2007 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 2013 den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Lebenswerk. Der Werner-von-Siemens-Ring wurde Martin Herrenknecht im Jahr 2015 verliehen „in Anerkennung seiner herausragenden Leistungen bei der technischen Entwicklung von Tunnelbohrmaschinen und für deren erfolgreichen weltweiten Einsatz unter schwierigsten geologischen Bedingungen“.