HERMANN SCHOLL – Ringträger 2011

Über die Person

Hermann Scholl
* 21. Juni 1935 in Stuttgart

Der Stiftungsrat der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring hat am 13. Dezember 2011 den „Werner-von-Siemens-Ring – Ehrenring für Verdienste um Naturwissenschaften und Technik“ verliehen an Hermann Scholl in Würdigung seiner richtungsweisenden Leistungen in der Automobiltechnik, die die Verkehrssicherheit deutlich erhöht.

Hermann Scholl erhielt den 35. Werner-von-Siemens-Ring unter anderem für die erste elektronische Benzineinspritzung im PKW und das erste zuverlässige ABS.

Er wurde gemeinsam mit Manfred Fuchs ausgezeichnet.

Wegbereiter der modernen Autoelektronik

Der Elektroingenieur und Manager Hermann Scholl ist auf das Engste mit der Robert Bosch GmbH verbunden. Unter seiner Leitung wurde das Stuttgarter Unternehmen zum Weltmarktführer unter den Automobilzulieferern. Im Jahrzehnt von 1993 bis 2003, in dem er Vorsitzender der Geschäftsführung war, hat sich der Umsatz des Bosch-Konzerns von 16 Mrd. Euro auf über 36 Mrd. Euro mehr als verdoppelt, während die Zahl der Beschäftigten von 157000 auf über 230000 zunahm. Unter seiner Ägide wurden wichtige technische Neuerungen entwickelt, die die Automobiltechnik revolutioniert und das Autofahren sicherer gemacht haben.

Hermann Scholl wurde am 21. Juni 1935 in Stuttgart geboren. Seine Mutter war Hauswirtschaftslehrerin und sein Vater war promovierter Psychologe, allerdings „mit einem starken Drang zu praktischer Tätigkeit. Und ich hatte auch schon als Kind sehr viel mit handwerklichen Verrichtungen zu tun“, erinnerte er sich. So baute er eine Gangschaltung für sein Fahrrad und bastelte ein Tonbandgerät. „Ich hatte immer schon einen Hang zur Technik, die man anfassen kann, das war dann auch für meinen Berufsweg ausschlaggebend.“

Doch ganz so geradlinig war dieser Weg zunächst nicht. Als Dreizehnjähriger hatte er mit dem Cellospiel begonnen, das ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Der passionierte Cellist trat später mit seinem Quartett auch bei Veranstaltungen von Bosch auf. Und der Achtzigjährige im Ruhestand spielt noch jeden Tag eine halbe bis eine Stunde Cello, um fit zu bleiben. „Mit 16 war ich so begeistert vom Cellospiel, dass ich Musiker werden wollte. Aber dann erkannte ich bei sehr schnellen Bewegungen meine motorischen Grenzen.“ Deshalb strebte er einen technischen Beruf an, der nahe an der Musik ist: Tonmeister beim Rundfunk.

Dafür brauchte er eine solide nachrichtentechnische Grundlage. So studierte er, nachdem er 1954 am Karls-Gymnasium in Stuttgart das Abitur gemacht hatte, von 1954 bis 1959 Elektrotechnik mit Fachrichtung Nachrichtentechnik an der damaligen Technischen Hochschule Stuttgart. Das Studium schloss er mit der Diplomarbeit „Entwurf und Bau eines elektrostatischen Lautsprechers zur Erzeugung eines ebenen Schallfeldes“ ab. 1961 wurde er im Fachgebiet Psychologische Akustik mit der Arbeit „Das dynamische Verhalten der Mithörschwellen“ zum Dr.-Ing. promoviert. „Im Verlauf von Studium und Promotion faszinierte mich besonders die Anwendung der Elektronik so sehr, dass ich dabei blieb“, sagte er im Rückblick. Nach der Promotion war er noch ein Jahr an seinem Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Dort beschäftigte er sich intensiv mit dem aufkommenden Einsatz von Halbleitern in elektronischen Schaltungen.

Im Jahr 1962 ging Hermann Scholl zur Robert Bosch GmbH in die Abteilung Vorentwicklung Kraftfahrzeugausrüstung: „Dort hatte ich die Chance, die Tätigkeit, die ich mir am Institut selbst ausgesucht hatte, also Schaltungen zu entwickeln, fortzusetzen, mit dem Vorteil, dass ich das Know-how schon mitbrachte.“ Die Halbleitertechnik sei der Schlüssel für eine rasante Entwicklung in der Elektrotechnik gewesen, und mit den Halbleitern habe auch der Einzug der Elektronik ins Auto begonnen. „Bereits Mitte der 1950er Jahre befasste sich die Forschung bei Bosch mit der Entwicklung robuster Halbleiter-Bauelemente, die sich für den Einsatz auf der Straße eignen. Und Ende der 60er Jahre bauten wir die erste Fabrik für den wachsenden Eigenbedarf solcher Komponenten“, erinnert er sich.

Er wurde 1968 Entwicklungsleiter, in dessen Aufgabenbereich es fiel, den störanfälligen Vergaser in Ottomotoren durch eine elektronisch gesteuerte Benzineinspritzung abzulösen. Unter Scholls Leitung wurde die zweite Generation der elektronischen Benzineinspritzung, die L-Jetronic, entwickelt, die bereits von Bosch selbst hergestellte integrierte Schaltungen enthielt. 1970 wurde ihm zusätzlich die Zuständigkeit für die Entwicklung und Pilotfertigung von kraftfahrzeugspezifischen Halbleitern im neuen Halbleiterwerk von Bosch in Reutlingen übertragen. Im darauffolgenden Jahr wurde er Direktor für Entwicklung im Geschäftsbereich für elektrische und elektronische Motorenausrüstung.

Bis Mitte der 1970er Jahre bestand die Autoelektronik nur aus Einzeltransistoren und kleineren Mikrochips in Analogtechnik. Doch komplexe Systeme wie das Antiblockiersystem ABS konnte man mit dieser Technik nicht so herstellen, dass sie auch sicher funktionierten. Dies wurde erst mit der Einführung digitaler Halbleiterchips möglich. Bosch übernahm 1975 die Führung eines Entwicklungsprojekts, bei dem die ABS-Elektronik in Digitaltechnik ausgeführt wurde, erklärte Scholl. „Dazu entwickelten wir unseren ersten digitalen Schaltkreis. Die Markteinführung 1978 wurde ein großer Erfolg. Das war die weltweite Premiere eines Rechnerschaltkreises im Auto.“

Ein Jahr später führte Bosch die erste digitale Motorsteuerung für Einspritzung und Zündung ein. Diese „Motronic“ war bereits mit einem programmierbaren Mikrocontroller und einem Datenspeicher ausgestattet. In den 1970 Jahren erzwangen die strengen Autoabgasnormen in den USA, neben dem Ausstoß von Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoffen erstmals auch den von Stickoxiden zu begrenzen. „Es war unser Ziel, alle drei Schadstoffe in einem Katalysator zu reduzieren. Dazu mussten wir die Kraftstoffeinspritzung äußerst präzise steuern. Lösen konnten wir das Problem mit Hilfe der Lambdasonde, die Bosch 1976 auf den Markt brachte – wieder weltweit als erster.“

Während die von ihm geleitete Entwicklung zu den genannten Pionierleistungen führte, die Bosch in der Autoelektronik an die Weltspitze brachten, stieg Hermann Scholl in der Hierarchie der Robert Bosch GmbH schnell auf: 1973 wurde er Mitglied der Geschäftsleitung, 1975 Stellvertretender Geschäftsführer und 1978 Geschäftsführer – mit 43 Jahren einer der jüngsten, die Bosch je hatte. Doch die Reihe der Pionierleistungen ging weiter. Es folgen 1995 der Schleuderschutz ESP (Electronic Stability Control) und 1997 die Diesel-Hochdruckeinspritzung Common Rail. Durch Common Rail und die elektronische Benzin-Direkteinspritzung wurden der Kraftstoffverbrauch und der Schadstoffausstoß erheblich verringert.

Mit der stürmischen Weiterentwicklung der Halbleiter-Technologie hat Bosch über mehrere Jahrzehnte Meilensteine in der Kraftfahrzeugtechnik setzen können und immer wieder neue

Erzeugnisse und Systeme weltweit als erstes Unternehmen auf den Markt gebracht, betonte Scholl. „Ich empfinde es als großes Glück, dass ich an diesem Prozess nicht nur mitwirken, sondern ihn über längere Zeit auch gestalten durfte.“ ABS und ESP, die unter Hermann Scholls Leitung und aktiver Mitwirkung entstanden, haben das Autofahren sicherer gemacht, indem sie helfen, schwere Unfälle zu vermeiden. Dadurch wurden viele Menschenleben gerettet. Auf ABS und ESP sei er schon ein bisschen stolz, sagte Scholl kürzlich in einem Gespräch. „Heute ist ESP in Europa und den USA in jedem Neuwagen Pflicht. Und für 2016 wird es in Europa auch verbindlich für Motorräder vorgeschrieben.“

1993 wurde Hermann Scholl Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, deren Geschicke er dann ein Jahrzehnt lang leitete. 2003 wurde er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH und geschäftsführender Gesellschafter der Robert Bosch Industrietreuhand. In diesen beiden Funktionen war er maßgeblich an der weiteren Entwicklung des Konzerns beteiligt. 2012 ging er, nach 50 Jahren bei Bosch, in den Ruhestand und wurde Ehrenvorsitzender der Bosch-Gruppe. Hermann Scholl gilt als kreativer und harter Arbeiter, der im Laufe seiner Karriere mehr als 50 Patente selbst angemeldet hat. Von vielen Mitarbeitern wurde er als „Chef zum Anfassen“ bezeichnet.

Er erfuhr einige herausragende Ehrungen. So wurden ihm zwei Ehrendoktorwürden verliehen: 1988 der Doctor of Engineering von der Kettering University in Flint, Michigan, USA, und 1993 der Dr.-Ing. E. h. von der Technische Universität München. Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg verlieh ihm 2005 den Titel Professor. Am 13. Dezember 2012 wurde Hermann Scholl der Werner-von-Siemens-Ring 2011 überreicht.

In der Begründung des Stiftungsrates für die Verleihung des Werner-von-Siemens-Ringes an Hermann Scholl heißt es: „Professor Scholls Arbeiten, seine Visionen, aber auch sein unternehmerischer Einsatz haben die Automobiltechnik revolutioniert und dadurch den Kraftstoffverbrauch wesentlich reduziert sowie die Verkehrssicherheit entscheidend verbessert.“

In seiner Dankesrede sagte Hermann Scholl: „Ausdrücklich möchte ich in die Anerkennung für meine Arbeit aber meine Kollegen und Mitarbeiter einschließen.“ Dazu zitierte er den Firmengründer Robert Bosch: „In einer größeren, gut geleiteten Firma ist es meist nicht so, dass einer sagen kann, das und das habe ich gemacht. In einer solchen Firma muss Zusammenarbeit sein, und einer stützt sich auf den anderen.“

Kurzbiographie

1954 Abitur

1954-1959 Studium Elektrotechnik mit Fachrichtung Nachrichtentechnik an der Universität Stuttgart.

1961 Promotion zum Dr.-Ing. .

1962 Eintritt in die Robert Bosch GmbH (Abteilung Vorentwicklung Kraftfahrzeugausrüstung).

1968 Entwicklungsleiter Benzineinspritzung.

1971 Direktor der Entwicklung elektrischer und elektronischer Motorenausrüstung.

1973 Mitglied der Geschäftsleitung der Robert Bosch GmbH.

1975 Stellvertretender Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH.

1978 Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH.

1993 Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH.

2003 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH und geschäftsführender Gesellschafter der Robert Bosch Industrietreuhand KG (seit Mitte 1995).

2012 Ehrenvorsitzender der Bosch-Gruppe.

Ehrungen

1988 Ehrendoktorwürde (Doctor of Engineering) von der Kettering University, Flint, Michigan/US.

1993 Dr.-Ing. E. h. von der Technischen Universität München.

2005 der Titel Professor, verliehen vom Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg.