MANFRED FUCHS – Ringträger 2011

Über die Person

Manfred Fuchs
* 24. Mai 1938
+ 26. April 2014

Der Stiftungsrat der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring hat am 13. Dezember 2011 den „Werner-von-Siemens-Ring – Ehrenring für Verdienste um Naturwissenschaften und Technik“ verliehen an Manfred Fuchs in Anerkennung seines Beitrags zur erfolgreichen Weiterentwicklung der Anwendungssatellitentechnik, mit der Deutschland weiter an der vordersten Front auf diesem Gebiet in Europa steht.

Manfred Fuchs erhielt den Ring gemeinsam mit Hermann Scholl.

Pionier, Visionär und erfolgreicher Unternehmer der Europäischen Raumfahrtindustrie

Der Ingenieur und Unternehmer Manfred Fuchs hat die Entwicklung der Raumfahrt in Deutschland und Europa nachhaltig geprägt. Er wurde am 25. Juli 1938 in Latsch in Südtirol geboren, wo seine Familie u. a. eine Brauerei und mehrere Sägewerke besaß. In der Laudatio zu seiner Auszeichnung mit dem Werner-von-Siemens-Ring heißt es, dass seine Persönlichkeit stark von der Kindheit und Jugend im „Fuchs-Clan“ im Südtiroler Latsch geprägt war, wo Toleranz und Familienzusammenhalt und eine Neugier am Fortschritt der Welt gepaart mit lokalem Unternehmertum dazu führten, dass die ausgewanderten Familienmitglieder auch in der Ferne erfolgreich wurden.

Er ging in Latsch zur Schule und besuchte anschließend die Gewerbeschule in Bozen. 1955 machte er den Flugschein und war damit Italiens jüngster Privatpilot. Anschließend studierte er Flugzeugbau an der Technischen Lehranstalt in München. Er wechselte 1957 an die Ingenieurschule in Hamburg, wo er sein Studium 1959 als Flugzeugbauingenieur abschloss. Er trat im selben Jahr in die Hamburger Flugzeugbau (HFB) GmbH ein und war dort als Entwicklungsingenieur im Bereich „Aerodynamik/Flugmechanik“ tätig. In Hamburg lernte er auch seine spätere Ehefrau Christa kennen, die er 1960 heiratete.

Von der HFB wurde Manfred Fuchs 1961 nach Bremen zur neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsring Nord geschickt, der späteren ERNO Raumfahrttechnik GmbH. Hier war er als Raumfahrtingenieur beschäftigt und für die Astrodynamik und die Vorentwicklung zuständig. Er baute diesen Bereich zu einer Hauptabteilung auf, die er als Abteilungsdirektor leitete. In der Laudatio heißt es, dass er sich in den frühen ERNO-Jahren zu einem sehr erfolgreichen Visionär und Vordenker für die Weiterentwicklung deutscher und europäischer Raumfahrtprojekte entwickelte. Er erwarb schnell hohes Ansehen und Vertrauen sowohl bei der Industrie als auch bei den zumeist öffentlichen Auftraggebern.

Die Europäischen Staaten wurden 1969 von US-Präsident Nixon dazu eingeladen, mit der NASA im Rahmen des Post-Apollo-Programms zusammenzuarbeiten. Zunächst bemühten sich die Europäer um den Bau verschiedener Komponenten des geplanten Space Shuttles. Doch diese Beteiligung wurde von den Amerikanern aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt, sodass Europa auch nach langer Suche noch kein Kooperationsprojekt in Händen hatte. Da kam Manfred Fuchs ins Spiel.

Bei ERNO in Bremen hatte er in einer Studie untersucht, wie man das Space Shuttle zu Transportzwecken nutzen könnte. Darüber hatte man sich bei der NASA noch kaum Gedanken gemacht, da man sich im technologischen Wettlauf mit der Sowjetunion vor allem auf das neue Transportsystem konzentrierte. Fuchs hatte das Projekt eines „Research and Application Moduls“ (RAM) entwickelt, also eines bemannten Labors, das als Hauptnutzlast des Space Shuttles die Erde umkreist. Damit war das Spacelab geboren, Europas Beitrag zum Post-Apollo-Programm.

Manfred Fuchs erinnerte sich: „In den 70ger Jahren wurden viele Studien für die Raumlaboratorien gemacht. Wir hatten Glück, ein modulares System vorzuschlagen. Die Konkurrenz war insbesondere durch MBB sehr stark. Aber unser modulares System hat gewonnen und damit 1973 die bemannte Raumfahrt in Bremen begründet.“ Es sollte dann noch einmal neun Jahre dauern, bis das Spacelab fertig war und 1983 erstmals mit dem Space Shuttle „Columbia“ in den Weltraum fliegen konnte.

Nach der Entwicklung des RAM-Konzepts fragte sich Manfred Fuchs, wie man wiederum das Spacelab praktisch nutzen könnte. Dazu hatte er den Arbeitskreis Spacelab Nutzung (ASN) gegründet, in dem mit Beteiligung von Kollegen der Firmen Dornier und MBB und von Wissenschaftlern die ersten

Mikrogravitationsexperimente entwickelt wurden. In diesem Rahmen wurden spezielle Schmelzöfen, Kristallzuchtanlagen und biologische Versuchseinrichtungen gebaut. Wie die Laudatio berichtet, entwickelte Manfred Fuchs in dieser Zeit gute Beziehungen zu Universitätsinstituten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. So wurde es möglich, dass beim ersten Flug des Spacelabs und bei den folgenden zwei deutschen Spacelab-Missionen D-1 und D-2 vor allem Experimente aus Deutschland, u. a. von Max-Planck-Instituten dabei waren.

Als Europäische Beteiligung an der geplanten amerikanischen Raumstation ALPHA, aus der sich später die Internationale Weltraumstation ISS entwickeln sollte, schlugen Manfred Fuchs und sein italienischer Kollege Prof. Ernesto Vallerani ein bemanntes Labormodul mit dem symbolträchtigen Namen „Columbus“ vor. Das von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) in Auftrag gegebene Modul, dessen Endmontage in Bremen stattfand, wurde im Frühjahr 2008 mit der Raumfähre „Atlantis“ zur ISS gebracht und an sie angekoppelt.

Von seiner unternehmerisch tätigen Familie in Südtirol ermuntert, wagte Manfred Fuchs 1985 den Sprung in die Selbständigkeit. Er verließ nach 25 Jahren das inzwischen zur MBB/ERNO fusionierte Unternehmen in Bremen und trat als Geschäftsführer in die Firma OHB („Otto Hydraulik Bremen“) ein, die seine Frau Christa erworben hatte. Damit begann die erfolgreiche unternehmerische Zusammenarbeit des Ehepaares Fuchs, bei der sie sich um die Finanzen und die Verwaltung kümmerte, während er, aufbauend auf seiner Erfahrung und seinen weltweiten Kontakten, Raumfahrtprojekte entwickelte.

Zunächst entwickelte und baute das von Manfred Fuchs geleitete Unternehmen Kleinsatelliten, an denen die Konkurrenz nur wenig Interesse hatte. Doch dank der inzwischen möglich gewordenen Miniaturisierung der Elektronik und Sensortechnik konnten auch kleine Satelliten nützliche Leistungen erbringen. So wurden mit den OHB-Satelliten BremSat, Rubin 1 bis 9 und Safir wissenschaftliche Versuche sowie Erdbeobachtungs- und Kommunikationsexperimente durchgeführt. Zudem war Fuchs ein gesuchter Berater und Ideengeber für Fragen, die mit Nutzlasten und Experimenten an Bord von Spacelab und der Raumstation ALPHA zu tun hatten.

Da die Firma OHB rasch wuchs, ließ Fuchs 1988 ein Firmengebäude im Industriepark an der Bremer Universität bauen, in direkter Nachbarschaft zu den Forschungsinstituten, mit denen er zusammenarbeitete. Das Unternehmen OHB wurde 1991 in „Orbital- und Hydrotechnologie Bremen“ und 2000 in „Orbitale Hochtechnologie Bremen“ umbenannt. Es ging 2001 als AG an die Börse, wobei die Familie Fuchs die Aktienmehrheit behielt. Die 2002 entstandene Dachgesellschaft OHB Technology AG gründete Tochterunternehmen und erwarb Beteiligungen im In- und Ausland. Im Bremer Industriepark baute OHB im Laufe der Jahre ein Zentrum der europäischen Raumfahrt mit Bürogebäuden, Laboren und Integrationshallen auf.

Über die Entwicklung seines Unternehmens sagte Manfred Fuchs im Dezember 2012: „1985 trat ich als Geschäftsführer in die OHB ein. Die Firma hatte damals 15 Mitarbeiter, heute über 2400. OHB ist in Europa die drittgrößte Raumfahrtfirma nach Astrium und Thales Alenia.“ Der Umsatz von OHB lag 2012 bei 616 Mio. €, mit steigender Tendenz. Auch die Frage nach einem Nachfolger in der Unternehmensführung wurde rechtzeitig gelöst, indem der Jurist Marco Fuchs, der Sohn von Manfred und Christa Fuchs, 1995 in das Unternehmen eintrat. Seit 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der OHB Gruppe, Bremen.

Zwei Großaufträge waren entscheidend für die weitere Entwicklung von OHB. Zum einen bewarb sich das Unternehmen im Jahr 2002 um einen Auftrag der Bundeswehr über fünf Radarsatelliten, der ein Volumen von 300 Mio. € hatte. Manfred Fuchs erinnerte sich: „Der größte Erfolg war, dass wir nach vielen kleinen Satelliten den Radarsatelliten SAR-Lupe in Konkurrenz gewonnen haben. Der erste Start von SAR-Lupe war 2006. Alle fünf Satelliten arbeiten im Weltraum sehr erfolgreich.“ Sie dienen der Bundeswehr zur wetterunabhängigen Tag- und Nachtaufklärung und sollen solange in Betrieb sein, bis die nächste Generation in 2019 den Betrieb aufnimmt. Den Auftrag für dieses Nachfolgesystem namens „SARah“ hat OHB im Jahr 2013 erhalten.

Der zweite Großauftrag war das satellitengestützte europäische Navigationssystem „Galileo“. Dessen „Orbitsegment“ besteht aus insgesamt 22 Satelliten, aufgeteilt in zwei Pakete zu 14 bzw. acht Satelliten. Da sich neben OHB nur noch ein weiteres Unternehmen beworben hatte, standen die Chancen für Manfred Fuchs gut, wenigsten mit dem Bau von acht Satelliten beauftragt zu werden. Tatsächlich erhielt OHB im Jahr 2010 sogar den Zuschlag für das größere Paket mit einem Auftragswert von 566 Mio. €. Das kleinere Paket wurde zunächst nicht vergeben sondern nach einiger Zeit erneut ausgeschrieben. Zwei Jahre später bekam OHB auch diesen Auftrag, sodass man in Bremen schließlich alle 22 Galileo-Satelliten bauen konnte.

Ebenfalls 2010 bekam ein vom französischen Technologiekonzern Thales Alenia geführtes Konsortium, an dem OHB beteiligt ist, den Auftrag zum Bau der sechs Satelliten des europäischen

Wettersatellitensystems „Meteosat Third Generation“ (MTG). Auf OHB entfiel dabei der Bau der sechs Satellitenbusse oder Versorgungsplattformen. Mit „Galileo“ und MTG entstehen die beiden derzeit größten und technologisch anspruchsvollsten europäischen Anwendungssatellitenprojekte bei OHB in Bremen, hieß es dazu in der Laudatio.

Der erfolgreiche Ingenieur und Raumfahrtunternehmer Manfred Fuchs erhielt zahlreiche Ehrungen. Ihm wurden die „Goldene Hermann-Oberth Medaille“, der „Goldene Hermann-Oberth-Ring“, die „Sänger Medaille“ der DGLR und die Goldmedaille des Council of European Aerospace Societies (CEAS) verliehen. 1995 wurde er „Bremer Unternehmer des Jahres“, im Jahr darauf erhielt er eine Ehrenprofessur der Hochschule Bremen. 2005 verlieh ihm die Polytechnische Universität Mailand die Ehrendoktorwürde. Im selben Jahr wurde er Honorarkonsul der Republik Kasachstan, in der das Raumfahrtzentrum Baikonur liegt. 2009 wurden er und seine Frau Christa Ehrenbürger und Förderer der Universität Bremen.

Am 13. Dezember 2012 wurde Manfred Fuchs der Werner-von-Siemens-Ring 2011 überreicht: „in Anerkennung seines Beitrages zur erfolgreichen Weiterentwicklung der Anwendungssatellitentechnik, mit der Deutschland weiter an vorderster Front auf diesem Gebiet in Europa steht“. Manfred Fuchs antwortete damals: „Mein Beitrag war – so glaube ich – , dass ich ein gutes Gefühl hatte, was zur Zeit sinnvoll für die Bevölkerung und tragbar, zukunftsträchtig, nutz- und gewinnbringend ist, was für Deutschland und Europa wichtig und in der Technologie an der Raumfahrtspitze beliebt ist. Mein Beitrag war, die Mitarbeiter zu motivieren und mit den Ideen immer ein bisschen weiter vorne gewesen zu sein als die Konkurrenz.“

Manfred Fuchs ist am 26. April 2014 verstorben.

Kurzbiographie

Besuch der Gewerbeschule in Bozen.

1955 Flugzeugschein.
Studium Flugzeugbau an der Technischen Lehranstalt in München.

1957-1959 Studium Flugzeugbau an der Ingenieurschule in Hamburg.

1959-1961 Flugzeugbauingenieur bei der Hamburger Flugzeugbau GmbH.

1961-1985 Mitarbeiter in der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsring Nord (später ERNO Raumfahrttechnik) in Bremen.

1965 Gruppenleiter in der ERNO.

1969 Entwicklung Projekt ‚Spacelab‘.

1972 Hauptabteilungsleiter ‚Astrodynamik/Vorentwicklung‘ in der ERNO.

1973 Gründung des Arbeitskreis Spacelab Nutzung (ASN).

1981 Gesamtprokura bei der ERNO.

1982 Entwicklung Projekt ‚COLUMBUS‘.
1982 Abteilungsdirektor bei der ERNO.

1985 Einstieg bei OHB (dort Leitung Technik, Projekte und Marketing).

1994 Honorarprofessor an Hochschule Bremen.

2002 Entwicklung und Umsetzung des ‚SARLupe‘ Satellitenprojekts für die Bundeswehr.

2005 Ehrendoktorwürde an der Polytechnischen Universität Mailand.
2005 Konsul für Republik Kasachstan.